Ein Zeichen Tom! Ein Zeichen!

Ich sass in Barcelona und freute mich auf morgen. Morgen wollte ich eine Wandertour im Montserrat unternehmen. Die Tour versprach anspruchsvoll zu werden, längere Strecken auf von Bergziegen getrampelten Pfaden. So riet ich mir dazu, die lange nicht benutzten Wanderstöcke mitzunehmen. Wo die nur waren? In meinem Keller herrscht zur Zeit ein wenig Chaos. Aber es würde sich schon alles finden.

Jetzt wollte ich nur noch einige Mails auf meiner Suche nach einem neuen Literaturagenten auf den Weg bringen. Es war 23:00 Uhr, bis Mitternacht sollte ich fertig sein. Da würde das Aufstehen um 7 Uhr kein Thema sein. — Als ich mit der Arbeit fertig war, es ist ja heutzutage nicht mehr so leicht, einen echten Agenten von einem Luftikus zu unterscheiden, schlug die Kirchturmuhr nicht zwölf sondern nur drei Mal. Ein Zeichen!

Da die Tour nun wirklich kein Spaziergang werden würde, brauchte ich meinen Schlaf und verschob alles zeitlich ein klein wenig nach hinten, wollte nur noch die Wanderutensilien zusammenstellen. Wanderstöcke, Schuhe, Socken, eine Wasserflasche in den Kühlschrank, lange Hose, denn es würde durch einiges Gestrüpp gehen. Ich erhielt ein neues Zeichen: Einer der Wanderstöcke fehlte! Ich erinnerte mich dunkel, dass dieser in einer Kiste bei den Verlängerungskabeln liegen könnte. Na gut, schauen wir nach dem Aufstehen nach.

Der Morgen begann um 10. Die Sonne lachte, ich lachte mit. Ach ja, den zweiten Wanderstock suchen. Die Kiste mit den Kabeln fand ich sofort. Den fehlenden Wanderstock nicht. Also gut, dachte ich mir, gehst halt nur mit einem einzelnen Stock. Noch ein Zeichen!

Jetzt war es schon zu spät, um noch einen Salat vorzubereiten. Rasch den Tee getrunken, Salami und Gruyère eingepackt, beim Bäcker vorbei, ein paar typisch spanische Gummigipfeli besorgt und ich war auf dem Weg.

Auf halbem Weg zum Montserrat fragte ich mich, ob ich denn die Wanderschuhe auch im Wagen hatte? Ich griff hinter mich aber spürte keine Stiefel. Mir wurde warm. In die Garage hatte ich sie ja mitgenommen. Oh nein — kann nicht sein! Ich verliess die Autobahn und hielt an einer kleinen Parkbucht, öffnete die hintere Tür, schaute auf den Boden und sah — den nackten Boden. Noch ein Zeichen!

Nun hätte ich ja den gleichen Weg zurück nehmen können, aber heute war ich in Abenteurerlaune. Ich programmierte das Navi also, mich auf dem kürzesten nicht dem schnellsten Weg zurück zur Heimstatt zu führen. Quer über Land. Neues kennenlernen. Und weil das Wetter so schön und die Musik im Wagen so toll war, schaltete ich den Ton des Navis ab — und fuhr prompt an einer Abzweigung vorbei, die ich hätte nehmen sollen. Okay, umdrehen und wieder ein Stück zurück. Als das Navi mir anzeigte, ich solle doch jetzt rechts abbiegen, war ich auch schon an der Strasse vorbei. Das kann doch nicht sein, dachte ich. Ich soll einen Feldweg nehmen? Schon wieder ein Zeichen!

Okay, nach zwei Kilometern kam die nächste Wendemöglichkeit, und die ich nicht verpasste. Wieder zurück und mutig in den Feldweg eingebogen. Die auf leicht erhöhter Erde links und rechts von mir aufgereihten Weinreben versetzten mich in gelassene Stimmung. Ich war ganz Yogi. Liess mich treiben. Fühlte mich als Teil der Weinfelder. Weinbauer wäre auch ein Beruf, der mir gefallen könnte. Gelegentlich muss man dem natürlichen Fluss des Lebens folgen, ohne dominierend eingreifen zu wollen. Zu Hause angekommen fand ich die einsam wartenden Wanderstiefel, die mich ein wenig verärgert anschauten und nervös tippelten.

Endlich konnte es erneut losgehen. Auch wenn es inzwischen halb zwölf war. Die Wanderung sollte fünf Stunden dauern. Einschliesslich Rastzeit sollte ich also gegen halb sieben am späten Nachmittag wieder am Parkplatz sein. Drei Stunden vor Sonnenuntergang. Damit das auch klappte, nutzte ich jetzt aber den sicheren Weg der Autobahn, fand (fast) die richtige Ausfahrt und war kurz nach zwölf abmarschbereit.

Die Wanderung war traumhaft und ordentlich anstrengend. Im Wanderführer wurde sie als schwierige Tour mit grosser Höhendifferenz beschrieben. Auch das angegebene Kraxelgeschick musste unter Beweis gestellt werden, als es steile Kamine nach oben und später leider auch wieder runter ging.

Der Lohn all dieser Mühen, darauf freute ich mich schon, würde ein köstliches Abendessen mit feinem Filet vom Räucherlachs und anderen Köstlichkeiten sein. Beim Rückweg vom Berg sah ich aus der Ferne schon meinen geduldig wartenden Wagen. Und als ich dann näher kam, erschrak ich: Ich hatte am Mittag offenbar vergessen, das Beifahrerfenster zu schliessen. Hoffentlich war nichts entwendet worden. Und dann, als ich noch näher kam, sah ich, dass das Beifahrerfenster eingeschlagen worden war. Navi und iPod fehlten.

Ich richtete meinen Blick gen Himmel und wollte fluchen. Aber bevor es dazu kam ertönte ein Stimme von oben: Brauchst noch ein Zeichen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*