Autorität und das Ende des gesunden Menschenverstandes

Kapitel 11 (Auszug)

Am Ende von Kapitel 9 stellte ich Ihnen ein Grundprinzip der Ethik von Aristoteles vor: «Gutes» Handeln besteht darin, dass man den Mittelweg zwischen den beiden Extremen Übermaß und Mangel wählt. «Gute» Führung könnte betrachtet werden als die Mitte zwischen egozentrierter Diktatur der Macht und übermäßigem Teamgeist. In diesem und im folgenden Kapitel widmen wir uns diesen beiden Extremen wie sie für die Vorgesetzteneinschätzung von Relevanz sind. Kennt man sie, dann ist es leichter, den Weg «der Mitte», nicht zu verwechseln mit einem Kompromiss (!),zu verfolgen.

Im Rahmen der Vorgesetzteneinschätzung muss man über Macht sprechen, da sie wesentlichen Einfluss auf deren

Ein- und Durchführung und
die spätere Einleitung von Veränderungen hat.

Auf die Durchführung insofern, als wir verstehen müssen, was wir Mitarbeitern abverlangen, wenn wir ihnen die Chance oder Möglichkeit geben wollen, ihre Empfindung der Machtausübung ihres Vorgesetzten offenzulegen. Auf die Einleitung von Änderungen deshalb, weil Macht aus ökonomischer und menschlicher Sicht Gemeinsamkeiten, aber auch sich zuwiderlaufende Ziele aufweisen kann.

Wer die Stufen der Macht erklommen hat, häufig unter Aufbietung aller seiner Kräfte und unter großen persönlichen Opfern, der möchte die Früchte dieser Bemühungen verständlicherweise ernten. Er muss denjenigen, die ihn befördert haben, nunmehr beweisen, dass das in ihn gesetzte Vertrauen berechtigt ist, sie möglicherweise auch noch weiterreichend zufriedenstellen. Und wie es mit jedem neuen Spielzeug ist, das man fasziniert in seinen Händen hält, regt auch die Macht zum Experimentieren an. Und so. wird man seine Macht natürlich auch einmal missbrauchen. Beispiele von Machtmissbrauch gegenüber unterstellten Mitarbeitern können sein:

  • Sich bei anderen Mitarbeitern über deren Kollegen negativ äußern.
  • Wichtige und relevante Informationen nicht weiterleiten, so dass der Mitarbeiter seine Pflichten nicht korrekt erfüllen kann.
  • Statt normal zu reden den Mitarbeiter kleiner machen (um sich selber damit viel­leicht auch als besonders kompetent darstellen zu wollen).
  • Während der Abwesenheit des Mitarbeiters dessen Schreibtisch durchsuchen.
  • Kurzerhand eine Hierarchiestufe übergehen (mit den Mitarbeitern der geführten Führungskraft reden) und somit den untergeordneten, direkt Führenden in seiner Autorität und Funktion herabwürdigen.
  • Mitarbeitern Fehler unterstellen, ohne genau eruiert zu haben, was denn Grund und Ursprung des Fehlers sind.

Grenzerfahrungen gehören zu jedem Spiel. Gute Machtausübung muss gelernt werden.Selbstverständlich wird Macht meistens dazu genutzt, das zu fördern, von dem man überzeugt ist, dass es dem Wohl des Unternehmens dient. Aber das deckt sich leider häufig nicht mit dem, was dem Menschen zum Wohl gereichen würde. Macht ist also ein zweischneidiges Schwert.

Führungskräfte hören es nicht gerne, wenn ich mit ihnen über ihre Macht re­de. Das Wort erscheint nicht opportun. Viel lieber sprechen sie von ihrer «Verantwortung» und der ihnen aufgeladenen «Bürde». Fast macht es den Eindruck, als sei ihnen dies alles lästig. Manager beschwören den modern gewordenen Teamgeist, und wie sie sich um die Präsenz dieses ätherischen Geistes bemühen. Unter dem Strich jedoch gilt, und egal, wie wir es bezeichnen: Im Unternehmen gibt es Menschen, die anderen Menschen Anleitung geben und ihnen sagen, was sie zu tun haben und wie. Somit gebietet ein Mensch über andere. In welcher Form er seine Mitarbeiter zur «Erkenntnis» führt, dass der von ihm vorgeschlagene Weg oder die von ihm empfohlene Maßnahme richtig ist, ist in unseren Betrachtungen zur Macht zunächst sekundär.

Aber was ist Macht? Max Weber beschreibt sie als

… die Chance, innerhalb der sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.

Weil offenbar nur wenige Menschen mit Macht angemessen umgehen konnten, stellte Platon fest:

Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden in den Städten, … oder die, die man heute Könige und Machthaber nennt, echte und gründliche Philosophen werden, und wenn dies nicht in eines zusammenfällt: die Macht in der Stadt und die Philosophie, und all die vielen Naturen, die heute ausschließlich nach dem einen oder dem anderen streben, gewaltsam davon ausgeschlossen werden, so wird es, … mit dem Elend kein Ende haben, nicht für die Städte und auch nicht, meine ich, für das menschliche Geschlecht.

Platon postulierte, dass Macht und Weisheit in einem vereint sein müssten, dass nur Menschen, die nach dem Guten an sich streben (was immer dies sei), Macht haben dürften. Nur so sei Unheil zu vermeiden.

Nun ist dies aber leichter gesagt als getan, denn in der wirtschaftlichen Realität gelten klare Definitionen für das, was man als Erfolg sowie Unternehmensziel und -zweck bezeichnet: Die kurz- und langfristig finanziell erfolgreiche Durchdringung des Marktes mit den eigenen Produkten und Dienstleistungen. So sehr man als Führungskraft also vielleicht menschliche Aspekte des Miteinanderarbeitens in den Vordergrund stellen möchte; wenn es finanziell unrentabel wird, müssen «Maßnahmen» ergriffen werden. …..

11.1 Instrumente der Machtausübung

Um seine eigene Position im Unternehmen nicht zu gefährden, kann (und wird) der durchschnittliche Vorgesetzte das für richtig erklären, was ihm zum Vorteil gereicht.

Im Lexikon der Wirtschaftsethik führt Bernhard Irrgang verschiedenste Wir­kungsformen der Macht auf:49

  • Belohnungsmacht
  • Bestrafungsmacht
  • Sanktionsmacht
  • legitime Herrschaft
  • Informationsmacht
  • Expertenmacht
  • Befehlsgewalt

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