Diener der Maschine

Alles wird verinternetzt. Der Kühlschrank, die Waschmaschine, die Kaffeemaschine, der Vorratsschrank und so weiter und so weiter.

Das für uns Menschen natürlich grosse Vorteile: Der Kühlschrank funkt nach Hause wie es ihm geht, damit rechtzeitig ein Wartungsingenieur vorbeikommen kann, damit wir erinnert werden, wenn irgendwelche Lebensmittel nachgekauft werden sollen oder wann Lebensmittel ihr Verfallsdatum erreichen.

Und sicherlich werden uns eine süsse Stimme darauf hinweisen, dass wir nun aber nicht den allerbestmöglichsten Kaffee erwarten sollen, wenn wir statt der Original-Nestlé-Kapseln irgendwelche Billigdinger nehmen. Dann werden wir noch drei Mal gefragt: «Soll ich mit dieser Nachahmung wirklich Deinen Kaffee brauen? Im Ernst? Willst Du dir das antun? Du weisst, dass ich dann für den Geschmack nicht garantieren kann!»

Aber immerhin hat dies dann ja vielleicht den Vorteil, dass ich von Nestlé Musterkapseln als Werbegeschenke erhalte, denn ihr hauseigener Grosscomputer informiert sie darüber, dass ich ihren Kapseln untreu werde. Der Hauscomputer könnte dann auch der Maschine auf meinem Küchentisch mitteilen, dass sie ein wenig spucken und husten soll oder mir gar per automatischem Anruf sagen, dass ich die Maschine nunmehr unbedingt zur Generalüberholung in eine dieser Pseudo-Nobeltempel-Kaffeekathedralen bringen soll. «Noch 7 Mal Kaffee kochen, dann muss Ihre Maschine generalüberholt werden.» — Und dann stellt sie sich einfach ab.

In der Filiale würde man mich natürlich fragen, weshalb ich denn plötzlich auf so Billigkapseln und nicht auf die Originale stehe? Meine Antwort wird in diesem Fall einfach sein: «Weil ich trotz der vielen Originalkapseltrinkerei auf Frauen nicht so anziehend wirke wie George Clooney und mich von Liebeskummer zu Liebeskummer schleppe.»

Da ich nicht der Einzige sein werde, von dem sie das hören, wird die Konzernzentrale in der Schweiz dann ihren Kaffee-Lover-Networking-Service gründen. Dort kann ich dann ja vielleicht die Frau meines Lebens finden. Von Kapsel zu Kapsel.

Mein Kühlschrank wird zum Glück weniger Eigenmarkenversessen sein, denn noch gehört dem Kühlschrankhersteller ja nicht die Produktion der darin befindlichen Lebensmittel. Und wenn ich wieder einmal nicht weiss, was ich kochen soll, dann werde ich ihn nur fragen müssen: «Was kann ich denn mit dem Kühlschrankinhalt heute kochen?» Dazu werde ich dann noch die Zusatzfrage beantworten müssen, was sich denn so in den Vorratsschränken befindet? Und durch die Kooperation von Miele mit Apple werden die via iPhone-Kamera an den Kühlschrank übermittelten Informationen dann in wunderbaren Rezeptvorschlägen resultieren. Ich muss nur noch angeben, ob es italienisch, indisch, französisch oder thailändisch sein soll. Und wenn ich dann gewählt habe, meldet der Kühlschrank, ich möge doch bitte auf die Waage steigen und meine aktuelles Gewicht sowie Fett- und Muskelgehalt meines nicht mehr ganz so stählernen Körpers ermitteln. Als Resultat reduziert sich das Rezeptangebot von 12 auf 3. Jetzt werde ich wahrscheinlich sauer und sage dem Kühlschrank, dass ich in dem Fall überhaupt nichts essen werde.

Wenige Minuten später klingelt das iPhone. Am Draht befindet sich die Assistentin meines Hausarztes: Sie hätte eine Mielemail, dass ich eventuell depressiv sei, und ob ich mit dem Doktor darüber sprechen möchte? Ich werde deutlich Nein! sagen und wenige Tage später eine Mail meiner Krankenversicherung erhalten: «Sehr geehrter Herr Voltz, nach den uns vorliegenden Informationen von Nestle, Miele, Apple und Ihrem Hausarzt besteht eine Tendenz zu erhöhter Depression. Zur Neubeurteilung Ihres Risikoprofils und einer eventuellen Anpassung Ihrer Versicherungsbeiträge bitten wir Sie, am kommenden Dienstag zwischen 16:00 und 21:00 Uhr bei uns zu einer Gesundheitsprüfung vorbeizuschauen. Bitte bedenken Sie, dass ein unentschuldigtes Fehlen automatisch zur Aussetzung ihres Versicherungsschutzes führen kann.»

Diese Mail hat natürlich mein Anwalt gelesen, denn alles was in irgendeiner Form nach rechtlichen Belangen klingt, sendet mein Rechner automatisch in Kopie dem Rechtsanwalt meines Vertrauens, den mir die Rechtsschutzversicherung vor drei Jahren zugewiesen hat. Seine Mail mit einem Terminvorschlag erreicht mich, als ich aus dem NICHT mit dem Internet verbundenen Wasserhahn – das Wasser kommt von meiner eigenen Quelle auf dem Grundstück – mein Trinkglas fülle.

Wenig später meldet sich mein iPhone und Siri betört mich mit ihrer Stimme: «Der Chip in Deinem Hemd stellt verstärktes Schwitzen fest. Damit Deine Ausdünstungen der Umwelt nicht zur Last fallen, empfiehlt es einen Hemdenwechsel.» Da ich ein höflicher Mensch bin, der seinen Mitmenschen gerne gefallen möchte, wechsle ich natürlich das Hemd. Jetzt meldet sich der Wäschekorb und teilt mir mit, dass er nunmehr voll genug für eine Wäsche sei. Nach dreimaliger Erinnerung raffe ich mich also auf und bediene die Waschmaschine. Dieses vollautomatische Wunderwerk der Technik analysiert den Trommelinhalt und bestimmt selbsttätig, wieviel Waschpulver und Weichspüler es benötigt, entnimmt aus dem Produktspender die notwendige Menge Pulver und Flüssigkeit und macht sich bei korrekter Temperatur und angemessener Trommelumdrehungsgeschwindigkeit ans Werk. Am Ende des Waschvorgangs erhalte ich eine SMS, ich könne die Kleidungsstücke nun zum Trocknen aufhängen. Auch sei das Wetter in meinem spanischen Domizil dergestalt, dass ein Freiufttrocknen für die nächsten zwei Stunden garantiert sei. Erleichtert entfliehe ich der Vernetzung meiner Welt und hänge die Wäsche bei strahlendem Sonnenschein auf. Doch da klingelt es am Eingangstor zu meiner Finca. Dort steht der Vertreter von Hugo Boss und teilt mir mit, die Waschmaschine hätte gemeldet, dass einige meiner Hemden nunmehr den zwanzigsten Waschgang hinter sich hätten und ob er mir die aktuelle Kollektion präsentieren dürfe?

Ich gebe vor, keine Zeit zu haben. Dann gehe ich an den Sicherungskasten, drehe alle Sicherungen raus, kappe das Notstromaggregat, ziehe das Internetverbindungskabel ab, schalte meine drei Mobiltelefone aus und beginne mit dem Schreiben eines historischen Romans über die Zeit vor dem Internetz. Wie ich diesen Roman jetzt allerdings unbemerkt meinem Verleger übermitteln kann, ist mir noch nicht klar.

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