Verschlafen die Banken die Wertediskussion?

(Anekdotische Anmerkung: Eine renommierte Wirtschaftszeitung der Schweiz lehnte die Veröffentlichung dieses Artikels Ende 1997 ab. Begründung: „Die Banken sind nicht mehr so schlimm. Sie haben sich schon stark gebessert!“)

Was die chemische Industrie Anfang der 70er Jahre an öffentlichem Protest erfuhr, widerfährt nunmehr den Schweizer Banken. Formal und gesetzlich einwandfrei, bläst ihr der Wind einer moralisch entrüsteten Öffentlichkeit ins Gesicht. Handeln tut Not, nicht nur im Sinne besserer Public Relations Strategien.

In den 70er Jahren kam die chemische Industrie nicht mehr zu Ruhe. Konnte sie bis dahin mehr oder weniger ungestört ihre Produkte produzieren und dabei Abwässer und Umwelt mit Schadstoffen belästigen, so erwuchs ihr auf einmal starke Kritik von Seiten sich bildender Umweltschutzgruppen, allen voran Greenpeace. Mit Reagenzgläsern und Plastikeimern hockten Umweltschützer vor den Abwassereinleitungssrohren der Chemiegiganten in die Flüsse und sammelten das giftige Gut. Die Analysen sorgten regelmässig für negative Schlagzeilen. Argumente der chemischen Industrie, dies sei der Preis, der für den Fortschritt zu bezahlen sei, es handle sich jeweils nur um „Einzelfälle“ wurden erst noch vollmundig dann aber immer kleinlauter geäussert. Ein Wandel setzte ein.

Ein ebensolcher Wertewandel kündigt sich nun auch im Finanzsektor an. Vorreiter, wie auch schon bei der Chemie, ist die kritische Öffentlichkeit, die ethisch fehlerhaftes Verhalten diagnostiziert. Und wieder scheint der betroffene Wirtschaftszweig die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Die Schweizer Banken haben am Fall des Wachmanns Meili und in der Frage der Holocaust-Gelder eine erste Lektion erhalten: Die Schweizerische Bankgesellschaft wurde kürzlich von einem grossen Finanzgeschäft mit der Stadt New York kurzerhand ausgeschlossen. Ob dies rechtens ist, wird momentan von offiziellen Stellen geprüft. Und dass hier auch wirtschaftliche Interessen der Konkurrenz eine Rolle spielen könnten, ist nicht ausgeschlossen. Allerdings darf man nicht so naiv sein, zu glauben, sich lediglich an die Gesetze zu halten sei genug. Gesetze hinken häufig hinter der Aktualität hinterher. Gesetzlich vielleicht einwandfrei, aus ethischer Sicht jedoch mehr als zweifelhaft. Im Fall des Wachmanns Meili, der nach eigenem Bekunden seinem Gewissen gehorchend bekanntmachte, was sich in den Katakomben der Bankgesellen abspielte und der Dokumente rettete, die Informationen über finanzielle Transaktionen aus den 40er Jahren enthielten und ansonsten im Reisswolf der verdrängten Historie gelandet wären, hat die harsch reagierende Bank massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Meili mag vertragsrechtlich seinem Dienstherren gegenüber eine grobe Pflichtverletzung begangen haben. Die öffentliche Moral jedoch hat ihn zum Sieger erklärt. Höherrangige Interessen werden geltend gemacht. Die Moralität finanzwirtschaftlichen Handels gerät in das Visier einer breiten Öffentlichkeit, die den Banken erklärt, dass Geld sehr wohl stinken kann.

So könnten die Banken von den PR-Desastern der chemischen Industrie einiges lernen, die ihnen in Bezug auf den Umgang mit ethischen Problemen einige Schritte voraus ist. Im Bereich des Umweltschutzes ist sie in inzwischen fast zu einem Musterbeispiel für das geworden, was man als verantwortliches Handeln in Erkenntnis des Wertewandels bezeichnen kann. Gegenseitig sucht man sich zu überbieten und nutzt die Bemühungen eines schonenden Umgangs mit der Natur auch als Verkaufsargument. Das 1995 auch vom deutschen Verband der Chemischen Industrie (VCI) angenommene, weltweite „Responsible Care“ (Verantwortliches Handeln) Programm der Chemie legt jedes Jahr offen, wie sich die Umweltverschmutzung der Mitgliederunternehmen entwickelt, wieviel Geld für Umweltschutzmassnahmen ausgegeben wird, wie es um die Sicherheit am Arbeitsplatz steht, etc. Stolz verweist der Jahresbericht 1996 unter anderem darauf, dass zum Beispiel der SO2-Ausstoss zwischen 1979 und 1994 um neunzig Prozent gesunken sei. Allerdings heisst dies nicht, dass die kritische Öffentlichkeit die chemische Industrie nicht weiter beobachten muss und soll. Betrachtet man das magere Ergebnis des Umweltgipfels von Kyoto vom Winter 1997, dann sieht man, welche Macht die Wirtschaft heute über ihre Politiker hat. Sie diktieren ihren zu Marionetten verkommenden Politprofis die Regeln. US Vizepräsident Al Gore, gerade wegen seiner ökologischen Einstellung in den USA früher hochgeschätzt, wurde zum Wendehals par excellence. Hatte er sich über den ehemaligen Präsidenten Bush noch mokiert, als dieser am Umweltgipfel von Rio auftrat und den Besuch als nichts anderes als einen „Fototermin“ bezeichnet, so waren Al Gores Erlärungen kaum mehr als der Versuch, den PR-Schaden zu minimieren.

Gesetze genügen nicht

Die schweizer Banken können sich selbstverständlich auch weiterhin hinter den geltenden Gesetzen verstecken. Sie werden vor Gerichten wohl auch obsiegen. In den Augen der Öffentlichkeit jedoch verlieren sie bzw. haben sie schon verloren. Sie machen den gleichen Fehler wie auch die britische Shell im Fall der Ölplattform Brent Spar, als sie ihre ausgediente Plattform, notabene mit Segen der britischen Regierung, im Meer versenken wollte. Ob das Vorhaben der British Shell tatsächlich die schlechteste Lösung gewesen wäre, ist irrelevant. Entscheidend ist das damals fehlende Bewusstsein bei Shell, dass die Öffentlichkeit als Ganzes und als von ihren Entscheidungen letztlich auch direkt betroffen, den Umweltschutzgedanken als inhärenten Teil verantwortlichen unternehmerischen Handelns in diesem Fall als nicht gewahrt betrachtete. Shell hatte die externen Stakeholders schlichtweg nicht Ernst oder wahrgenommen.

Das Unternehmen hatte ebenfalls nicht damit gerechnet, dass Greenpeace die breite Öffentlichkeit, insbesondere in Deutschland, dermassen würde mobilisieren können, dass das Unternehmen die Entrüstung der Bevölkerung nicht mehr würde ignorieren können. Greenpeace konnte damals glaubhaft machen (auch wenn einige ihrer Informationen falsch waren, wie sich im nachhinein herausstellte) , dass hier hinter dem Rücken der Weltöffentlichkeit eine Umweltsünde grösseren Ausmasses kurz vor ihrer Vollendung stand. Selbst wenn der Boykott der Shell-Tankstellen finanziell eher zu vernachlässigen war, so litt doch das Image stark. Cornelius Herkströter, Präsident von Shell, meint zum Desaster für sein Unternehmen selbstkritisch: «Einer der Hauptgründe war meiner Ansicht nach eine Art „technische Arroganz“, die in Unternehmen mit starker technischer Prägung durchaus verbreitet ist.»

Die Schweizer Banken befinden sich zur Zeit in einer Phase, die sich mit den 70er Jahren und der chemischen Industrie bestens vergleichen lässt. Abwiegelung, Beschwichtigung sowie verzweifelte und schlecht durchdachte PR-Aktionen versuchen, den Schaden zu begrenzen. Dies alles reicht jedoch nicht mehr aus. Die Banken hinken hinter dem moralischen Gewissen der Öffentlichkeit hinterher. Zeitlich wie inhaltlich. Und wer glaubt, er müsse nur eine bessere PR-Strategie verfolgen, der irrt. Public Relations, die sich nur als schönfärberische Propaganda versteht, hat längerfristig keine Chance und verschlimmert die Situation nur. Während die Banken mit der LÖsung ihrer Globalisierungsbestrebungen vollauf beschäftigt sind, drohen Sie die weltweiten gesellschaftspolitischen Entwicklungen zu verschlafen. Fragen von Moral und Ethik sind ein ihnen nicht oder nur marginal bekanntes Fachgebiet, das keine einfachen Lösungen auf die komplexen Bewusstseinänderungen der Öffentlichkeit präsentiert. Es gibt keine Software, die ethische Dilemmata gleich einer Finanzsoftware löst.

Das Ende der Moral

Gerade wurde ein Vermögen von rund 20 Millionen Franken der früheren pakistanischen Premierministerin Buttho in Genf eingefroren. Kein Einzelfall wie man weiss. Gelder, die ursprünglich aus Entwicklungshilfefonds stammen, aus überteuerten (weil mit Schmiergeldern angereicherten) Industrieanlagen, etc. liegen in der Schweiz und in anderen Ländern auf den Privatkonti der Mächtigen oder Einflussreichen. So liess sich zum Beispiel ein afrikanischer Herrscher vor rund zwanzig Jahren auf eigene Kosten einen Palast bauen. Der Ursprung der Gelder des Herrschers wurde mir von ihm nahestehenden Persönlichkeiten mit „Sonderzahlungen“ für Schürfrechte an Bodenschätzen erklärt. Am Flughafen Genf-Cointrin sah man denn auch häufiger die Privatmaschine des Präsidenten. West wie Ost hoffierten ihn. Eines Tages erkannte der Herrscher, dass es sich bei seinem Palast ja eigentlich um den offiziellen Sitz des Präsidenten handele. So sei es doch auch nicht einzusehen, dass er länger Privatbesitzer des Palastes sein solle. Kurzerhand verkaufte er ihn an den Staat. Die daraus resultierenden rund zwanzig Millionen Dollar sollen dann ebenfalls auf sein Genfer Konto geflossen sein.

Die Schweizerische Bankgesellschaft erklärte mir gegenüber: „… dass die Aufnahme von Geschäftsbeziehungen zu hochrangigen Politikern der Zustimmung durch ein Mitglied der Geschäftsleitung bedarf.“ Das engt zwar den Kreis der letztlich Verantwortlichen ein, ändert aber an der Praxis nichts. Im Gegenteil, guten Geschäften auf höchster Ebene steht danach noch weniger im Wege.

Man mag nun einwerfen, die Schweiz sei keineswegs das einzige Land, das mit Geldern dementsprechend umgehe, und wenn wir es nicht tun, dann wird es halt eine andere Bank in einem anderen Land sein. Allerdings droht diese Argumentation und das gegenwärtige Verhalten der Banken im Zuge der Vergangenheitsbewältigung langfristig auch anderen Wirtschaftszweigen zu schaden. Was, wenn engagierte Bürger im Ausland zum Boykott der Schweiz als Tourismusland aufrufen? Abwegig ist dies nicht. Immerhin ergab eine von der Neuen Zürcher Zeitung am 18. Oktober bekanntgemachte Untersuchung, dass zwei Drittel von 16.000 befragten EU-Bürgern die Rolle der Schweizer Banken als „zweifelhaft“ bezeichnen.

Die Lösung ist hart

Wie aber können die Banken einen Beitrag zur Lösung des Dilemmas leisten? Es gibt nur einen Weg. Er ist hart, unbequem und eventuell auch von Einkommenseinbussen begleitet: Die Banken müssen intern wie extern eine aktive Wertediskussion in Gang setzen und zulassen. Hinter dem Bankgeheimnis können sie sich nicht mehr verstecken. Vielleicht ist eine aktive Wertediskussion sogar der einzige Weg, um das Bankgeheimnis längerfristig zu wahren. Dieses stünde im Licht der Öffentlichkeit weniger zur Debatte, wenn die Öffentlichkeit der Moralität und Integrität der Banken traute. Fehlt dieses Vertrauen, dann werden die Rufe nach grösster Transparenz lauter, denen man sich dann auch nicht mehr verschliessen kann. Konsequenz könnten Gesetze sei, die über das Ziel hinausschiessen. Als Eckpfosten einer solchen Diskussion könnte man reflektieren: Der gläserne Politiker, der gegenüber der Öffentlichkeit seine sämtlichen finanziellen Verhältnisse und wirtschaftlichen Beziehungen offenlegen muss, scheint geboten. Politische Macht zieht Lobbyisten und Interessenträger magisch an. Da Politiker jedoch Treuhänder eines Volksmandates sind, sind sie besonderen Verpflichtungen zu unterziehen. Würden die Banken also hochrangigen Politikern, die mit dem Wunsch bei ihnen erscheinen, millionenschwere Anlagekonti zu eröffnen, den Wunsch verweigern, weil die ehrliche Entstehung des Reichtums beim besten Willen nicht nachvollziehbar ist bzw. weil man den Verdacht der unrechtmässigen Bereicherung nicht genügend in Abrede stellen kann, dann wäre ein erster Schritt zu moralisch/ethischer Kompetenz getan.

Zudem sollte ein Verhaltens- oder Ethikkodex entwickelt werden, der die Spielregeln bei moralisch zweifelhaften Fragen regelt. Mitarbeiter der Banken sollten einen Ombudsmann für ethische Probleme ansprechen können, wenn ihnen Entscheidungen (auch von Vorgesetzten) als moralisch fragwürdig vorkommen. In den USA gibt es Beispiele für ausgefeilte Systeme dieser Art. Mitarbeiter sind dort vor jeglichen Repressalien geschützt, wenn ethisch zweifelhafte Entscheidungen gefällt wurden und sie diese mit dem Ombudsmann/der Ombudsfrau besprechen. Die gleichen Stellen bieten auch Rat, wenn man selber vor einer Entscheidung steht und sich dabei in einem ethischen Dilemma befindet. In den Leitlinien des VCI , dem über 700 Unternehmen angehören, findet sich als eines der verpflichtenden Handlungsprinzipien: „Die chemische Industrie wird ungeachtet der wirtschaftlichen Interessen die Vermarktung von Produkten einschränken oder deren Produktion einstellen, falls nach den Ergebnissen einer Risikobewertung die Vorsorge zum Schutz vor Gefahren für Gesundheit und Umwelt dies erfordert. Sie wird die Öffentlichkeit darüber umfassend informieren.“ Die Banken könnten ähnliche Grundsätze entwickeln – und dann hoffentlich auch umsetzen.

Stakeholder statt Shareholder

Kern meiner Empfehlungen an die Banken ist das in Kreisen der Wirtschaftsethik diskutierte Stakeholder-Modell. Diese Modell, Kontrapunkt zum eng-ökonomisch verstandenen Shareholder-value, besagt, dass bei unternehmerischen Entscheidungen alle diejenigen internen und externen Öffentlichkeiten berücksichtigt werden müssen, die vom Handel des Unternehmens direkt oder indirekt beeinflusst werden. Professor Lee Preston von der Universität Maryland definiert „Stakeholder“ als: „Die Stakeholder einer Organisation sind diejenigen Individuen und Gruppen von Menschen oder Interessengruppen, die zum Funktionieren der Organisation beitragen und daher als Resultat ihrer Operation Vorteile erhalten und/oder Kosten auf sich laden können. Als Resultat der Tätigkeit der Organisation steht bei den Stakeholdern etwas „auf dem Spiel“ – mögliche Vorteile und Gewinne oder Kosten oder Schäden, die sie tragen oder erleiden müssen.“ In diesem Sinne ist die Schweizer Bevölkerung wohl auch als Stakeholder von Schweizer Grossunternehmen zu betrachten. Es ist legitim zu fragen, inwieweit das Unternehmensverhalten das Image und das Wohlergehen der Schweiz positiv oder negativ beeinflusst.

Ist es zu viel verlangt, dass unsere Banken sich mit mehr befassen sollen als der ausschliesslichen Gewinnmaximierung für ihre Aktionäre? Ich glaube nicht. Die Schweizer Banken sind prägender Faktor des internationalen Images der Schweiz. Ihr Verhalten bzw. das wahrgenommene Verhalten hat somit einen weiterreichenden Einfluss als nur bis zum jeweiligen Tresorraum. Dieses Einflusses muss sich die Branche klar werden. Mit diesem aber geht Verantwortung einher. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Stakeholder-Modell und den Implikationen für das unternehmerische Verhalten der Zukunft könnten ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Vielleicht erlernt dann auch das schweizerische Bankwesen, begangene Fehler unumwunden zuzugeben und mit einer derart geprägten Offenheit und Ehrlichkeit verlorenes Vertrauen zurück- und neues hinzuzugewinnen. Nicht nur nach aussen sondern auch bei den Mitarbeitern des eigenen Hauses.

Zum Trost vor drohenden Gewinneinbussen mag den Banken folgende Aussage des Shell Präsidenten zur Einführung von bleifreiem Benzin gereichen: «Die Industrie war dagegen. Wir waren der Meinung, diese Massnahme sei nutzlos und würde uns keine Vorteile bringen. Und dann wurde es auf den Markt gebracht. Nach öffentlichen Kampagnen und dem Erlass von Gesetzen. Innerhalb von sechs Monaten haben auch wir unverbleites Benzin eingeführt. Es stellte sich heraus, dass wir uns verschätzt hatten. Die Kosten waren niedriger als wir dachten, und wir stellten fest, dass wir die mit der Einführung verbundenen Probleme lösen konnten.»

18. Oktober 1997, ergänzt 16. Dezember 1997

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*