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Mein kleiner Zeh tut weh

(Dieser Text entstand 1993, aber irgendwie könnte er in die aktuelle Zeit passen.)

„Der Nächste bitte!“ befahl die streng in den Wartesaal blickende Arztgehilfin, sah mich aufschauen und fixierte mich, bis ich aufstand und meinen Körper hinkenden Fusses ins Behandlungszimmer schleppte.

„Mr. Smith, wie sehen Sie denn aus?“, fragte mich mein Hausarzt mit grossen Augen, als er mein schmerzverzerrtes Gesicht sah. „Haben Sie wieder einmal Ihre Gesundheit vernachlässigt?“ Mit schuldigem, stummem Blick schaute ich ihn an. „Na, dann wollen wir mal sehen, was los ist. Legen Sie sich bitte hin, damit ich Sie scannen kann.“ Ich folgte, wie es sich für einen braven Patienten gehört, und schon fuhr der Scanner über einen Körper.

Zehn Minuten später warf der Computer das Ergebnis aus. Dr. Grinn schaute abwechselnd auf den Ausdruck und auf meine bisherige Krankengeschichte.

„Mr. Smith, Mr. Smith, Sie sind nicht gerade folgsam! Erst vor knapp 70 Millionen Jahren waren Sie wegen Schmerzen in Ihrem linken kleinen Zeh bei mir, als Ihnen ein Stein darauf gefallen war. Und jetzt ist‘s schon wieder der gleiche Zeh. Damals konnten wir ihn nur durch ein Wunder retten, denn er war fast abgestorben. Und heute, was muss ich da sehen? Ihr Zeh befindet sich in Aufruhr, seine Radioaktivität ist bedenklich hoch, und die schützende Ozonschicht, die die Megazelle umgibt, hat aussergewöhnlich grosse Löcher. Wenn Sie nicht aufpassen, dann werden die Mikroorganismen in der Fusszehe die Radioaktivität so sehr verstärken, dass wir sie schliesslich amputieren müssen!“

Ich fühlte mich schuldig, denn ich wusste, dass der Doktor recht hatte. Irgendwie hatte ich den linken kleinen Zeh wieder einmal einige tausend Jahre lang vernachlässigt, weil er mir nicht wichtig genug erschien. — Wem ist er das schon?

„Mr. Smith, ich geben Ihnen hier ein Medikament. Diese Tropfen nehmen Sie 100 Jahre lang 3 Mal täglich. Das sollte sowohl Ozonschicht wieder stärken als auch die Mikroorganismen daran hindern, weiter Radioaktivität aufzubauen. Ausserdem machen Sie bitte einen Eisbeutel und wickeln ihn um den Zeh. Lassen Sie sich einen Termin zur Zwischenkontrolle in etwa 50 Jahren geben. Und wehe, Sie nehmen die Medikamente nicht!“ Schuldbewusst verliess ich Praxis und nahm daraufhin brav mein Medikament und liess mir von meiner Frau Eisbeutel machen.

New York Times vom 23.9.97

Ist die Katastrophe noch aufzuhalten?

In Washington, Peking und Moskau versuchen Wissenschaftler der Verteidigungsministerien verzweifelt zu ergründen, weshalb sämtliche atomaren Waffen seit einigen Monaten vom Zerfall befallen sind und ebenso rapide an Radioaktivität verlieren wie Atomkraftwerke weltweit, und welchen aussergewöhnlichen Umständen es zuzuschreiben ist, dass seit etwa zwei Wochen auf der ganzen Welt kein Verbrennungsmotor mehr funktioniert.

Das dadurch weltweit ausgelöste Chaos hat dazu geführt, dass der Preis für gewöhnliche Reitpferde in nur 5 Tagen von durchschnittlich $2‘000 auf inzwischen fast $25‘000 geklettert ist.

Die Durchschnittstemperaturen auf der ganzen Welt sind mittlerweile weiter gesunken. In Afrika nimmt die dramatische Senkung gargantuanische Ausmasse an. Nur in Bergregionen können einzelne Volksstämme durch Flucht in die von ihren Vorfahren bewohnten Höhlen dem Erfrierungstod entkommen.

Prediger aller möglichen religiösen Sekten sprechen von der Strafe Gottes für die Versündigung der Menschen, und dass das jüngste Gericht nun unmittelbar bevorstünde. In Wyoming haben sich fast 500‘000 Menschen versammelt und beten seit nunmehr 10 Tagen im Schichtbetrieb rund um die Uhr.

Professor Newman vom MIT in Boston erinnerte in seinem soeben erschienenen Aufsatz daran, dass die Dinosaurier vor etwa 70 Millionen Jahren praktisch über Nacht ausgestorben seien, und dass die Theorie, es habe sich damals um einen grossen Meteoriten gehandelt, der für einen dramatischen Klimawechsel gesorgt habe, angesichts der jüngsten Entwicklungen auf der Erde eventuell überdacht werden müsse. Rein spekulativ äusserte er den Gedanken, dass die Erde vielleicht als Organismus in einem viel grösseren System betrachtet werden müsse, und dass das Universum sich gegenüber der Entwicklung der Erde zur Wehr setze. Immerhin sei es aussergewöhnlich ungewöhnlich, wenn im September in Florida 50 Zentimeter Schnee fallen und liegenbleiben.

Die Leitung des MIT hat Prof. Newman wegen Überarbeitung bis auf weiteres beurlaubt.

Tom Voltz, seltsamer Jungphilosoph aus der Schweiz, der sich laut Insiderinformationen als Reinkarnation von Sokrates betrachtet, sagte in einem Interview: „Es ist die Unwissenheit, die all dies verursacht. Wir müssen Wissen sammeln, Wissen über das Wesentliche im Leben. Und schon wird sich die Antwort auf alle Phänomene wie von selbst einstellen.“ Auf die Frage, welches Wissen er denn meine, antwortete Voltz: „Wenn ich das nur wüsste!“

PS: Mr. Smith geht es schon sehr viel besser. Die Medikamente und die Eisbeutel tun ihre Wirkung. Sein linker kleiner Zeh macht gute Heilungsfortschritte. Die Zahl der Mikroorganismen im Zeh ist kräftig gesunken. In wenigen Wochen wird mit einer vollständigen Genesung gerechnet, so dass die Gefahr einer Amputation gebannt ist.

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