… die Minuten danach — Seehofer redet mit Seele

Sehen Sie Herr Seehofer,

Das war doch jetzt einmal herzerfrischend. Und das, was Sie im ZDF ab Minute 5:20 zunächst off-the-record sagten, kam herüber als ehrliche Kommunikation, mitten aus der Seele des Menschen Seehofer.

Nicht dieses übliche Worthülsengeschwurbel, das schon lange keiner mehr Ernst nimmt.

Vor allem aber gefiel mir, dass Sie öffentlich Selbstkritik an der aktuellen Lage der Koalition üben, dass eben nicht alles in Ordnung ist und dass man darüber reden muss.

Der Kosmos des Politikers bewegt sich natürlich stets auch um die Selbsterhaltung. Und das eigene Tun muss einem richtig erscheinen, sonst täte man es nicht. Jedoch: Empfindet man das eigene Tun als richtig, weil es dem Selbsterhaltungstrieb dient oder weil es dem Auftrag der Auftraggeber, sprich der wählenden Bevölkerung, entspricht?

Mit Ihrem Interviewanhängsel haben Sie gezeigt, dass man sehr wohl beides miteinander vereinen kann. Ich finde eine solche Wahrhaftigkeit bemerkenswert. Sprechen Sie doch in Zukunft nur noch in Anhängseln und lassen Sie das vorherige, vom jeweiligen PR-Menschen empfohlene, Amts-BlaBla einfach weg.

Auf jeden Fall wünschte ich mir, dass ein derartiger Diskussionsstil, wie Sie ihn “off-the-record” zeigten, in der deutschen Politik Einzug halte. Und das ohne hämische Seitenhiebe der jeweilig opponierenden Parteien. Einfach ehrliches und offenes Ringen um Positionen. So wie es einem Parlament gut stünde. Auf dass man sich in Phönix die bundestäglichen Generalddebatten nicht mehr wegen des kabarettistischen Unterhaltungswertes sondern wegen der inhaltlichen Auseinandersetzungen anschauen möchte.

Ab 05:20 beginnt der “off-the-record” Teil:

Google + Co … wenn die Suchmaschine lügt

In seiner rund 10 minütigen Rede zeigte Eli Pariser im vergangenen Jahr auf, welche Gefahr die Bemühungen der Suchmaschinenbetreiber und anderer Datengrössen wie Facebook, etc. haben, uns “massgeschneiderte” Suchresultate zu liefern. (Im untenstehenden Mitschnitt kann man deutsche Untertitel wählen.)

Während uns dies zum einen nützlich sein kann (jemand, der häufig nach Kochrezepten sucht, wird sich freuen, wenn er auf die eingabe des Suchbegriffes “Waran” ein Waran-Rezept aus Indonesien findet anstatt auf eine archäologische Seite verwiesen zu werden) besteht eben auch die Gefahr, dass wir nichts davon hören, dass der Waran eine gefährdete Spezies ist. — Liebhaber von Waranfleisch könnten durch diesen Hinweis natürlich auch angespornt werden, rasch noch das letzte Stück Waran zu vertilgen, bevor es damit endgültig aus ist. Information kann ein zweischneidiges Schwert sein.

Dass diese Suchvorauswahl durch Algorithmen stattfindet, also programmierte Suchroboter, unterscheidet sie wesentlich von den menschlichen Suchrobotern nach Nachrichten. Letztere kennen wir unter dem Begriff Journalist.

Völlig zurecht forderte Pariser, dass wir Nutzer über diese Such”helferlein” selber bestimmen sollen könnten. Google & Co. sollten uns in den Sucheinstellungen also ermöglichen, die Suchresultate barrierefrei geliefert zu bekommen. — Dem stehen natürlich die Interessen der Werbeindustrie entgegen.

 

www.wir-sind-die-urheber.de/

Natürlich fühlt man sich als Schreiberling geehrt, wenn man von Dritten zitiert wird und in den Literaturlisten als Quelle erscheint.

Was aber nervt, sind die Selbstbediener, sei es Studenten, die ihre Hausarbeiten zur Hälfte abschreiben und bei nur knapp fünf Prozent des Textes zugeben, woher sie die Erkenntnisse haben oder Professoren, die Grafiken in Power Point Präsentationen verwenden, die einem erst seltsam vertraut vorkommen und sich dann als dreiste Kopien aus den eigenen Werken entpuppen. Deshalb habe ich als Betroffener von Urheberrechtsverletzungen das Statement unterschrieben: wir-sind-die-urheber.de

Unter dem Vorwand, den Künstler schützen zu wollen, Verlage und andere Mittler zu den grossen Bösewichten abzustempeln, ist einigermassen abenteuerlich.

Ein Verlag, der mir die Marketing- und Verkaufsanstrengungen für meine Arbeit abnimmt, und den ich dafür mit Prozenten bezahle, möchte zwei meiner früheren Bücher jetzt als E-Books veröffentlichen. Aber ich ziere mich noch, weil ich nicht einsehe, dass irgendwelche Copy Junkies sie dann auf free-to-share Plattformen herumreichen. Wer so handelt, trägt Mitschuld an der gesetzgeberischen Gefangennahme der grossen Freiheit, die das Netz uns gebracht hat.

Man denke nur an das, was der 11. September 2001 mit der Freiheit in der Welt angerichtet hat! Demokratien, die fast schon polizeistaatliche Züge tragen, Fingerabdrücke, wenn man einreist, usw. Die Kontrollettis dieser Welt warten wie hungrige Geier auf die Rechtfertigungsgründe für eine völlige Überwachung allen Lebens. Und es gibt sie nicht nur in Diktaturen.

Freiheit ist eine zarte Pflanze. Der Diebstahl von geistigen Werken ist zwar die Freiheit des Diebes, aber sie verletzt meine. Deshalb hört seine (oder ihre) Freiheit dort auf, wo meine tangiert wird. Punkt.

Und wer den Kontrollfreaks in der Politik die Steilvorlagen für noch mehr Regelung und Gängelung und Verbote und Datenschutzaufweichung liefert, der sollte sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen.

20. Januar 2010. Ein neues Jahr.

20. Januar 2010. Ein neues Jahr.

Schau nur, da ist es!

Dort! Dort drüben! Gleich da vorne!

Ein neues Jahr. Wie, du meinst du sähest es nicht? Ja, mein Lieber, dann schiebe doch mal den Berg mit deinen guten Vorsätzen zur Seite.

Ja, so ist’s recht. Bessere Sicht jetzt? Prima.

Ach, du meinst das kennst du schon alles. Wieso denn das? Es ist doch ein völlig neues Jahr! Jungfräulich sozusagen.

Ja, natürlich wird es im neuen Jahr in China weitere Menschenrechtsverletzungen geben. Aber immerhin wollen sie die natürlich völlig haltlosen Unterstellungen ein für alle Mal entkräftigen, zum Tode Verurteilte würden je nach Nachfrage aus den Transplantationszentren mal mit Kopfschuss und mal per Blattschuss erlegt.

Ja, und selbstverständlich werden die Handelsumsätze der Welt mit den Chinesen weiterhin steigen. Du solltest aber begreifen, dass wir das Menschenrecht auf freie Meinungsäusserung immer in Relation zu den durch eine sorglose Kommunikation möglicherweise angerichteten Schäden sehen müssen. Und die empfindliche chinesische Seele bedarf auch der besonderen kommunikativen Sorge. Und mit grösserem ökonomischem Wachstum gehen auch mehr Menschenrechte einher. Ganz von alleine.

Jetzt hör doch mal auf mit den armen Chinesen. Auch zu Maos Zeiten gab es Privilegierte und nicht solche. Und diesen Film, den sie über die Enteignung chinesischer Bürger während der Vorbereitungen zu den olympischen Spielen in Peking zeigten, sie war für das grössere Wohl. Für alle Chinesen also. Bei uns gibt es diese Enteignungen ja ebenfalls, auch wenn unsere rechtsstaatlichen Verfahren etwas länger dauern.

Was sagst Du? Du siehst im kommenden Jahr auch Probleme in Israel und Palästina? Ja wo schaust du denn eigentlich hin?

Nein, ich glaube ebensowenig wie Du, dass die Israelis ihre Haltung ändern, aber deshalb muss man doch nicht immer auf ihnen herumtrampeln.

Du, pass auf, ich glaube Du bist ein verkappter Judenhasser. Man liest ja allüberall, dass der Antisemitismus weltweit zunimmt.

Wieso hat das nichts mit Antisemitismus zu tun? Ich hör’ Dich doch reden.

Na gut, zwischen Juden und Israelis unterscheidest du. Immerhin. Aber denk an ihre traumatische Vergangenheit.

Also, das ist dann doch übertrieben. Du kannst doch die Ghettos im dritten Reich nicht mit den Schutzmauern Jerusalems vor radikalpalästinensichen Überfällen auf unschuldige Siedler vergleichen! Unerhört.

Dreh’ mir das Wort nicht im Mund herum. Gleich werde ich böse. Ich sagte jüdische Siedler und nicht jüdische Invasoren. Genug jetzt. Dein neues Jahr scheint ja ordentlich düster auszuschauen. Vielleicht solltest Du es einfach überspringen.

Ach, etwas Erfreuliches siehst Du denn doch noch? Welch’ Überraschung! Erzähl!

Ah, die Klimaerwärmung. Weil dir immer zu kalt an deinen Ohren und deinen Füssen ist. Und weil du gerne im Englischen Garten in München die Palmen wachsen sehen möchtest. Und weil ein kühles Bier in der Wärme besser schmeckt, als in der Kälte.

Tja, diesem Argument kann ich mich nicht verschliessen.

Schön, dass wir beide doch noch etwas gemeinsames Positives im neuen Jahr erkennen. Mit diesem optimistischen Ausblick erhebe ich also mein Glas auf dich, auf das neue Jahr und auf all die guten Menschen, die sich zwar in der Mehrheit befinden, die aber den Mächtigen leider nur als Wahlmaschinenfutter dienen. Na dann, bis morgen mein Freund, in diesem neuen Jahr.

Du, eines wollte ich dir noch erzählen.

Ja, das gehört auch zum neuen Jahr.

Ich habe mich wieder verliebt. So richtig heftig. Mit allem, was da so dazugehört. Und wir machen verrückte Dinge, ohne damit andere zu stören oder zu verärgern, und wir sagen uns verrückte Dinge und wir haben herrliche Pläne. Und ich glaube, das wünsche ich in diesem Jahr allen Politikern auf dieser Welt: Dass sie sich so richtig ordentlich verlieben, ob in ihrer bestehenden Partner oder in Neue, und dass sie Ideen haben, wie Verliebte sie haben: Ohne Gier, ohne Rücksichtslosigkeit, aber voller Freude und voll des Wunsches, im anderen ein Lächeln und auch ein lautes Lachen hervorzuzaubern. Und solche Gedanken übertragen sich dann auch auf ihre Politik, und dann können die Tibetaner und die Chinesen miteinander lachen und die Palästinenser und die Israelis miteinander und die Afghanen alle miteinander und die Amerikaner über sich selbst und die Schweizer und die Deutschen gemeinsam und überhaupt endlich alle Welt, ob arm oder reich so richtig herzhaft miteinander lachen. Und auch die Hungrigen können lächeln, denn sie sehen den Lichtblick am Horizont, und sie wissen, dass die lachenden Präsidenten auf der ganzen Welt an sie denken und ihnen helfen, auf die Beine zu kommen. Und dann wird die Welt eine lustige Welt. Und eine lustige Welt ist doch etwas sooooo Schönes.

Radfahrer ohne Benehmen

Replik zu: Radfahrer ohne Knautschzone
von Marcel Iseli, Mallorca Magazin 9/2008, Seite 13:

(ob’s veröffentlicht wurde, entzieht sich des Autoren Kenntnis)

Radfahrer ohne Benehmen

Jetzt fallen sie wieder über uns her. Je organisierter desto rüpelhafter, wie mir scheint: Horden von buntbeleibten Radfahrern, die neben ihren Ehefrauen auch die Manieren zu Hause gelassen haben.

Sie machen sich auf unseren Strassen breit und wundern sich, wenn sie im Krankenhaus aufwachen.

Da gibt es die Kreuzungsfetischisten, die sich nur dann als wahre Velocipeden fühlen, wenn sie im Rudel von einem oder zwei Dutzend Gleichgesinnter inmitten einer Kreuzung über einer Strassenkarte gebeugt Rat halten oder trinkend und plaudernd auf Nachzügler warten. Des Autofahrers Einsatz seiner Hupe, damit er dieses Gewusel durchdringen könne, wird als Affront empfunden. Üble Beschimpfungen pflastern ihren Weg.

Dann kennen wir die Dorfplatzbesetzer, die mit ihren Rädern Barrieren errichten, lauthals schwyzerdütsch oder deutschdialektisch schwetzend ihre Wegzehr auspacken und bei Miguel Kaffee ordern. Vorbei die Idylle.

Wieder auf ihren Drahteseln beweisen sie ihre Rücksichtnahme gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern, darunter auch solchen, die auf dem Weg zur Arbeit sind, indem sie auch auf engen Strassen zwei- oder dreispurig, also grossspurig, nebeneinander fahren. Wir dürfen das, exklamieren sie und vergessen, dass der Arzt hinter ihnen zu einer Notoperation in die Klinik muss.

Und schliesslich können wir noch den Urinator ausmachen, der an der belebten Strassenkreuzung auf dem Lande sein Geschlechtsteil auspackt und Juans Mauer bewässert — wie mir und meinen Gästen erst vergangene Woche wieder in etwa zwei Metern Entfernung demonstriert wurde.

Nüüt für unguet Herr Iseli, aber vielleicht könnten Sie ihren Gästen einige dieser Sitten abgewöhnen? Dann wäre man eventuell geneigter, ihre Sorgen zu teilen.

Der König von Alarosien

Er war gewählt worden. Doch er fühlte sich als König:  «Nein, ich will nicht nur der Oberanführer meiner Partei sein, ich bin der König aller Untertanen von Alarosien!», exklamierte der nun zum König Gewordene:  Alfonso Primero,  Alfonso der Erste.

Was macht ein frischgebackener König, wenn er sich noch überlegt, wie seine Statue auf dem Dorfplatz wohl in einigen Jahren aussehen müsse und welchem Künstler er diesen aus der Dorfschatulle zu finanzierenden kulturellen Beitrag an das Dorf zuschanzen sollte? Ein frisch gebackener König setzt Zeichen. Deutliche Zeichen! Schon immer besteht ein Amt der Macht aus der Macht als solcher sowie den vom Machtinhaber gesetzten Zeichen, damit ein jeder sehe: Der hier hat die Macht. Ihm will ich dienen. Widerspruch könnte für mich von grossem Schaden sein. Meine minderwertigen Ansichten behalte ich besser für mich.

Und weil alle Bürger diese Zeichen sehen sollten, beschloss der König von Alarosien, einen Grossteil der Verkehrszeichen zu ändern. Zeichen! Dutzende! Hunderte! Am liebsten gefielen ihm die Roten mit dem weissen Querbalken. Sie hatten etwas machtvoll Erotisches an sich, das ihn in seinen Bann zog. Schon immer hatte Alfonoso Primero die Bürgermeister der grossen Städte bewundert, wie sie mit einem Federstreich Tausende und Abertausende von Verkehrsteilnehmer in völlig neue Bahnen lenken konnten.  Von heute auf morgen verunsicherten sie unzählige Motoristen, liessen sie spüren, was wahre Macht bedeutet  und förderten damit zugleich regelmässig das Motorfahrzeuggewerbe durch erhöhte Reparaturaufträge. Vor einigen Jahren hatten sie in Alarosien schon einmal einen vom Schilderwahn Besessenen gehabt; und der hatte an sämtlichen Kreuzungen Schilder anbringen lassen, da er der Überzeugung gewesen war, die Bürger Alarosiens seien zu blöd, um die Grundregel „rechts vor links“ zu verstehen. Das alles erinnerte den König auch stets an glückliche Zeiten, als er als Knabe im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren am Strande Kanäle in den Sand zog, worin dann Ameisen auf Blättern in den von drei Eimerchen voller Wasser ausgelösten Sturzfluten zu Tode kamen. Macht! Flüssig und unüberwindlich — für die Ameisen.

Nunmehr aber setzte Alfonso Primero seine Zeichen! Mit Geschick und mit Bedacht. Eben eines Königs würdig. Zunächst liess der König sein Büro in den grossen Ratssaal verlegen. Hier konnte man würdige Audienzen abhalten, und die Bittsteller würden genügend Respekt bekunden können, indem sie schon von weitem auf die Knie fallen und, wohl distanziert, gesenkten Blickes ihre Anliegen vorbringen oder  -stammeln würden.

Im Königssaal wurde ein kleines Podest errichtet, mit rotem, samten weichem Teppich überzogen, und darauf dann ein aus bestem Olivenbaumholz geschnitzter, reich verzierter Thron. Darin waren die wahren Insignien aller Machthaber eingelegt, kunstvolle Intarsien aus Eisen: Der Goldbarren und die neunschwänzige Katze. Und der König von Alarosien,  Alfonso Primero, fühlte sich wohl. Wenn er des Morgens das Eingangstor seines Schlosses am Dorfplatz durchschritt, grüssten ihn adrett gekleidete Polizisten und Polizistinnen mit strenger Mine, schmetterten ihm schon vor der ersten Treppenstufe die Verwaltungsangestellten lautstark „Alfonso befiehl, wir folgen Dir“ entgegen und klimperte der Tresorwächter lautstark mit dem Geldschatz des Dorfes, über welchen Alfonso Primero verfügte, wie es ihm gefiel. «Was mir gefällt, gefällt dem Dorf», war einer seiner Leitsprüche.

Von seinem Thron aus konnte der König von Alarosien den Dorfplatz bestens einsehen und fühlte sich seinen Untertanen auf diese Weise besonders verbunden. Mit wenigen Schritten war er am Balkon, konnte die gläserne Tür öffnen und den Balkon betreten — in welchem Augenblick eine Fanfare ertönte, die im ganzen Dorf hörbar verkündete, dass der König nun auf dem Balkon stehe und Huldigungen seiner Untertanen entgegenzunehmen bereit sei.  Alfonso Primero hatte, so meinten einige Dorfbewohner hinter vorgehaltener Hand, vergessen, dass er eigentlich nur ein demokratisch gewählter Bürgermeister sei.  Aber mit diesen Nebensächlichkeiten kann sich ein wahrer König natürlich nicht befassen. Im übrigen ist Demokratie ja lediglich ein alle vier Jahre wiederkehrendes Ritual, das den Bürgern suggeriert, ihre Meinung sei gefragt. Welch naive Vorstellung.

In seiner Grosszügigkeit wollte Alfonso Primero nunmehr mehr Bürgern die Gelegenheit geben, ihm während seiner Balkonbesuche zu huldigen. Und aus diesem Grunde liess er die verkehrsberuhigenden Massnahmen verbieten, die den Dorfkern während der letzten paar Jahre zu einem Ort geselligen Beisammenseins und einem Spielort für die Kinder und die Dorfjugend gemacht hatte. Die diversen Kaffees hatten Tische nach draussen stellen können, wo Einheimische wie Touristen gerne Einkehr hielten, sich über diese ruhige und beschauliche Dorf freuten und Alarosien zum menschenfreundlichsten Dorf von ganz Mallorca erklärt hatten. Doch dies war königsfeindlich. Ausserdem hatte der König Verpflichtungen gegenüber einer knappen Hand voll Geschäftsleuten, denen die Verkehrsberuhigung angeblich auch eine unerwünschte Geschäftsberuhigung gebracht hatte. Einzelne Proteste, natürlich vor allem von Ausländern oder Festlandspanieren, dass verkehrsberuhigte Zonen in Städten und Dörfern in aller Welt vorangetrieben würden, weil sie ökologisch und ökonomisch vorteilhaft seien, verhallten ungehört in den Bergen von Administrativpapieren, die eine tüchtige Verwaltung stets zu produzieren bereit war. Der König wurde mit solch‘ unbedeutenden Absonderungen aus der Feder sturköpfiger Bürger nicht behelligt.

Stattdessen führte nun eine neue Hauptverkehrsader direkt an seinem Dorfpalast vorbei, und Schilder wiesen darauf hin, dass dem König, wenn er auf seinem Balkon stand, mit Lichtsignalen und lautem Gehupe Ehrerbietung erwiesen werden müsse. Am Ende des Dorfplatzes standen zwei grimmige Dorfpolizisten und verteilten jedem Autofahrer einen Busszettel, der nicht ordnungsgemäss gehupt hatte. Der Polizist und die Polizistin trugen stets dunkle Sonnenbrillen, da in ihren Augen alle Untertanen Alarosiens, insbesondere aber die Ausländer und Festlandspanier, potentielle Verbrecher waren. Durch die Sonnenbrillen konnte man sich vor ihren schlechten Gedanken schützen und musste diesen arroganten Nichtsnutzen nicht noch direkt ins Auge schauen. Grimmige Gesichter — das war das untrügliche Kennzeichen der polizeilichen Gewalt Alarosiens. Die früher freundlich lächelnden und geselligen Polizisten, die im Dorfkaffee auch mal mit dem einfachen Bürger ein Schwätzchen hielten, waren vorbei. «Ein Polizist darf nicht freundlich sein, darf dem Bürger keinen guten Tag wünschen. Denn eben jener Bürger könnte den Wunsch nach einem guten Tag ja dahingehend verstehen, dass er bei seinen Gaunereien heute möglichst erfolgreich sein sollte. Da alle Bürger grundsätzlich kriminell veranlagt sind, müssen auch Dorfpolizisten ihrer gesellschaftlichen Stellung gemäss Distanz zu den Untertanen wahren.» So hatte es der Adjutant des Königs dem obersten Polizeichef von Alarosien, Jaume Segundo, kundgetan.

Als ein Bürger Alfonso Primero darauf hinwies, dass er doch eigentlich Bürgermeister aller Bürger sei und so wichtige Massnahmen wie die Zerstörung des friedlichen Dorfplatzlebens und damit auch die Existenz von einigen Kaffees folglich mit dem gesamten Dorf besprochen werden sollten, da liess er diesen Bürger durch die beiden Dorfpolizisten erst einmal verhaften. Dann suchten sie des Bürgers Auto, das mit dem rechten Hinterrad ganz knapp eine gelbe Linie berührte, verpassten ihm einen saftigen Strafzettel von einhundertvierzig Euro und befestigen schliesslich, weil der Halter nach 10 Minuten immer noch nicht wieder bei seinem Wagen war (er sass ja im Dorfgefängnis ein), an besagtem rechten Hinterrad eine Wegfahrsperre.

„Papperlapapp,“ sagte der König von Alarosien, angesprochen auf die rüden Umgangsformen seiner Polizisten und Polizistinnen: «Ich bin gewählt. Ich habe die Macht. Und ich entscheide. Meine Polizei sorgt in diesem Dorf endlich für Zucht und Ordnung» Und weil er auch von allen Touristen angehupt werden wollte, sorgte Alfonso Primero dafür, dass alle Strassenschilder, die zu den kostenlosen Dorfparkplätzen zeigten, auf jeden Fall den Weg über den Dorfplatz wiesen. Dicke Lastwagen, fette Touristen und rücksichtslose Jugendliche fanden es aufregend, die Hauptstrasse des Dorfes entlangzurasen und zu prüfen, wer am schnellsten bis zur Banca March vordringen konnte. Quietschende Bremsen vertrieben Mütter mit ihren Kindern sowie ältere Einwohner, plötzliche Beschleunigung plättete streunende Hunde, und der Erfolgreichste bekam monatlich den „Goldenen Ellenbogen“ überreicht. Einmal erwischte ein Autofahrer ein dreijähriges Kind, das sich glücklicherweise nur einen Arm brach. Der König fragte seinen Oberpolizisten nach der Familie, und als er erfuhr, dass es sich um Engländer handelte, meinte er abwinkend: «Ach so,  Ausländer, und zudem Briten. Das macht nichts. Ein deutsches Kind hätte mir eher leid getan, denn die Deutschen standen unserer Republik vor einigen Jahrzehnten in grosser Not zur Seite.»

Um die Einnahmen zu steigern, eliminierte der König von Alarosien als nächstes kurzerhand einige Parkplätze vor der Dorfapotheke, so dass Menschen, die nicht so weit laufen können, zwangsläufig verboten parkieren mussten, um dringend benötigte Medikamente abzuholen. Auch hier lauerten der Dorfpolizist und die Dorfpolizistin und verteilten emsig ihre gelben Strafzettel. Gnadenlos wurde Jagd auf Falschparker gemacht, eine übrigens sehr erfolgreiche Jagd, denn im Königreich gab es grundsätzlich zu wenig Parkplätze.

So mehrte Alfonso Primero sein Vermögen und dasjenige des Königreiches. Und das war das Gleiche. Und als er von nunmehr schon einer ganzen Reihe von Bürgern darauf hingewiesen wurde, dass seine Regentschaft sich einem Mass an Selbstherrlichkeit näherte, das bald nicht mehr erträglich sei, liess er sie kurzerhand alle verhaften und, weil das Dorfgefängnis zu klein war, ins Fussballstadion abführen. Man hat nichts mehr von ihnen gehört.

Seither herrscht Frieden in Alarosien. Der König regiert, die Untertanen bücken sich, und alles ist gut.

Was mit der Demokratie geschehen ist?

Welche Demokratie?

 

PS: Alaró, Mallorca, immer ein Teil meiner globalen Heimat. Dieser auch ins englische und spanische übersetzte Bericht fand im Jahre 2007 nicht bei allen politischen Parteien des Dorfes Anklang. Und diejenigen, die ihn damals grinsend befürworteten, lehnen ihn heute, einige Zeit später, grimmig ab.

Auf ins glückliche Jahr 2007

Am 18. Dezember 2005 sagte der amerikanische Präsident George Bush während einer Fernsehansprache (zum Thema Irak): “Unser Land hat nur zwei Optionen — Sieg oder Niederlage.”

Unabhängig davon, was man vom Irakkrieg, seinen Auslösern und seinen Folgen denken mag, dieser Satz hat auch mit jedem von uns zu tun. Denn auch wir messen unser Leben und unser eben dortiges Wirken nach dieser kruden Methode: Sieg oder Niederlage. Jedoch, wer definiert und bestimmt eigentlich, was “Sieg” und was “Niederlage” ist? — Niemand anderes als wir selbst. Ausser wir lassen uns von anderen einreden, was Sieg und Niederlage zu sein habe.

Daran musste ich denken, als ich bedachte, dass wir zum Jahreswechsel wieder alle möglichen Vorsätze fassen, was das neue Jahr uns bringen solle, bringen möge, verdammt noch mal zu bringen hat!

Was also sollen wir uns vornehmen? Was können wir uns vornehmen? Vielleicht nehmen wir uns in diesem Jahr etwas wirklich GROSSES vor. Und das zweifellos Grösste, ist die Erlangung von Glückseligkeit. Glückseligkeit fragen Sie? Ja, sage ich! Das höchste allen Glücks.

Ich wäre kein Schelm, wenn diese Aussage nicht mit allerlei Zusatzgedanken gespickt wäre, welche ich hier nur kurz berühren möchte. Was eigentlich ist “das Glück”? Ich sage Ihnen mit den Worten von Aristoteles, was es nicht ist: «Die kaufmännische Lebensform hat etwas Gewaltsames an sich, und offensichtlich ist der Reichtum nicht das gesuchte Gute.» Und Plato dachte: «Großer Reichtum und Tugend können nicht zusammen bestehen, wenigstens nicht bei derjenigen Auslegung des Reichtums, die der großen Menge geläufig ist. Diese versteht nämlich unter reichen Leuten solche, die als auserlesene Menschen Güter von höchstem Geldeswert besitzen, Güter also, wie sie auch der erste beste Schurke in seinen Besitz bringen kann.» Und mit reichen Schurken haben wir auf Mallorca, genauer gesagt die Andratschen, ja in diesem Jahr einige prominente Erfahrungen machen dürfen.

Aber als Beiwerk zum Glück ist Reichtum zweifellos geeignet, und wer über grossen Reichtum verfügt, der kann nicht nur sich selber, seiner Familie und seinen Freunden Gutes tun, er kann auch, wie Bill Gates, im grossen Stil das tun, was Regierungen aus unerfindlichen Gründen nicht zu tun bereit sind. Ein Panzer ist offenbar mehr wert als Tausend Menschenleben. Ausgabenmässig. Wenn man sich die Haushalte von Regierungen so anschaut.

Vielleicht ist grosses Glück ja die Gesundheit? Was aber, wenn jemand an Krebs leidet? Ist er deshalb ab dem Tag der Diagnose unglücklich? Keineswegs, kann ich aus unmittelbarer und mehrjäh-riger Erfahrung im engsten Familienkreis vermelden. Im Gegenteil. Das klare Be-wusstsein über die Endlichkeit unseres irdischen Daseins verändert das Leben radikal, und zumindest im Fall in unserer Familie, zum Positiven. Plötzlich wird jeder Tag zu etwas Besonderem, etwas Kost-barem. Nie wurden Farben intensiver aufgesogen, Düfte stärker inhaliert, die Sonnenstrahlen wie Perlen des Lebens assimiliert, wurde und wird gelacht. Ja, wünschen Sie sich und Ihren Freunde Gesundheit — aber wenn sie sich weigert einzukehren, dann denken Sie nach dem Tag der Hiobsbotschaft und den Wochen der traurig zornigen Auseinandersetzung damit auch daran, dass in Ihr Bewusstsein das gerückt ist, was die meisten anderen fälschlicherweise als grosse Leistung empfinden: Die Verdrängung einer unab-änderlichen Tatsache unseres irdischen Lebens. Und entdecken Sie jeden Tag auf‘s Neue.

Vielleicht wünschen Sie sich für das kommende Jahr ja nur “etwas Kleines”. Aber wenn es wünschenswert ist, weshalb sollte es dann “klein” sein? Weil es sie relativ wenig kostet? Weil sie es mühelos erreichen können? Weil jeder andere es sowieso schon hat? Wenn es wünschenswert ist, dann ist es kostbar. Für Sie. Lassen Sie sich Ihre Kostbarkeiten nicht ausreden oder verniedlichen.

Das mit der Glückseligkeit, dem grössten Glück, ist also so eine Sache. Selbst Aristoteles konnte sie nicht im Detail packen, weshalb er zum Schluss kam: «Die einen bestimmen sie als Tugend, die anderen als Einsicht, die dritten als eine Art Weisheit, andere wiederum als alles dies oder doch eins davon, verbunden mit der Lust oder doch zumindest nicht ohne Lust. Andere nehmen auch das äussere Wohlergehen dazu. Es ist wohl anzunehmen, dass keiner da völlig danebenliegt.»

Und dann, am Ende des Jahres — werden Sie von Ihrem Jahr als einem Sieg oder einer Niederlage sprechen? Ich sage Ihnen: Ein Jahr ist schnell vorbei, da kann das grösste, von ihnen gewünschte, Glück gelegentlich gar nicht so schnell sein. Gewähren Sie ihm also eine Chance, geben Sie ihm Zeit einzutreten, denn während das Jahr so vor sich hintagt, können Sie, wenn Sie genau schauen, eine Menge “kleiner” Glücke finden. Dazu bedarf es nicht mehr, als sie zuzulassen oder — sie zu schätzen.

Ich zum Beispiel, freue mich auf meinen täglichen Kaffee am Dorfplatz. Und genau diesem “kleinen Glück” werde ich mich jetzt hingeben.

In diesem Sinne also
VIEL GLÜCK im kommenden Jahr
Ihr
Tom Voltz

war das nicht ein tolles jahr?

war das nicht ein tolles jahr?  eine clicque innerhalb des pentagon filtert und verdreht geheimdienstinformationen, um den herren wolfowitz und co. material an die hand zu geben, das den herrn bush dann sagen lässt, der irak bedrohe die welt. das haben rummsefeld, wolfowitz und ein paar andere gesellen schon jahre vor bushs wahl zum präsidenten ausgeheckt. der herr powell präsentiert dem un sicherheitsrat eine fülle an fakten über irakische massenvernichtungswaffen, die untersuchung der inspektoren findet aber nichts, was sich mit diesen fakten decken könnte. ein besonders brisanter bericht des geheimdienstes über den bösen herr hussein, und der ist ja nun wirklich ein böser, stellt sich wenige tage nach der veröffentlichung als eine uralte arbeit eines ehemaligen studenten heraus.

und dann ist da noch der herr blair. der erklärt, irak könne innerhalb von 45 minuten massenvernichtungswaffen gegen alle welt loslassen. aber diese bösen waffen sind einfach nirgendwo zu finden. der britische geheimdienst mi6 gibt uns als weihnachtsgeschenk einen tropfen wahrheit: er habe in ausländischen medien falschinformationen über die bedrohung iraks für den weltfrieden gestreut, um diese dann in england als „externe quellen“ zitieren zu können.

paul bremer, der amerikanische gouverneur für den irak tappt an weihnachten in eine vom englischen fernsehsender itv gelegte falle. der sender fragt ihn nach seiner meinung zu einem statement, dass die superbedrohung iraks für den rest der welt darlegt. nö, sagt der herr bremer, das sei eine ente. und dann sagen ihm die itv leute, das habe aber der herr blair gesagt. dem herrn bremer ist das sehr peinlich und er windet sich. der herr blair windet sich nicht. weil der hat ja die wahrheit. auch wenn er und der bush die einzigen sind, die die wahrheit haben. aber weil wir gottesfürchtig sind, wollen wir denen ruhig glauben, dass sie die wahrheit haben. tolle sache, diese demokratie, nicht war? die sollten wir dringend in ganz arabien einführen.

“der herr hussein wollte meinen papa umbringen“, sagt der herr bush irgendwann mal. da wollte er ihm natürlich eins auf die birne geben. in chile haben die amis den lieben herrn pinochet an die macht gebracht, indem sie bomben legten und bekennerschreiben der kommunisten hinterliessen. aber das ist ja schon so lange her, da erinnert sich sicher keiner mehr dran.

dafür verdanken wir dem herrn bush aber eine fülle neuer sicherheitsgesetze.  manchmal kann die freiheit halt nur bewahrt werden, wenn man sie wegsperrt. am besten in eine kleine kiste. die stellt man dann in sein präsidentenzimmer und sieht jeden tag rein, ob die freiheit auch ja nicht entwichen ist. vielleicht sollte man den herrn bush mal einsperren und ihn fragen, ob er sich frei fühlt. nachdem sie in guantanamo bay ein paar leute freigelassen haben, wäre da ja platz für ihn. und vielleicht sollte man die vereinigten staaten einfach mal ein paar jahre isolieren. kein handel, ihre ausländischen vermögen einfrieren, keine einreiseerlaubnis. das macht man doch bei gefährlichen krankheiten so. und der herr bush und seine politik ist eine gefährliche krankheit. eigentlich wollte ich im herbst ja gerne nach texas, da wo der herr bush herkommt, um mir ein tennisturnier anzuschauen. aber ich wollte mich nicht anstecken und bin deshalb zu hause geblieben.

deutschland

im jahr 2003 gab es in deutschland nirgendwo eine grosse überschwemmung. das war für den herrn schröder nicht gut, weil der hat deswegen mit seiner partei ganz viel zustimmung beim volk verloren. ein überschwemmungskanzler ohne überschwemmung – das kann ja nicht gut gehen.

war da vor fünf oder sechs jahren nicht irgend so ein versprechen, mal wolle in deutschland volksbegehren einführen? das volk dürfe etwas wollen, und wenn es genügend stimmen sammelt, dann müssen das die volkszertreter auch tun. nöö, das war nicht die cdu, die will so was sowieso nicht, das war die spd, die das wollte. aber jetzt wollen die das nicht mehr. dabei könnte das volk doch dann auch eine überschwemmung beschliessen, und dann wäre der herr schröder wieder in seinem element. aber vielleicht gibt es vor den nächsten bundestagswahlen in drei jahren wieder eine überschwemmung, dann brauchen wir wieder den überschwemmungskanzler. hoffentlich haben die nicht zu viel geld für ihre dämme ausgegeben, weil wenn die dann halten, dann kann der herr schröder sich nicht profilieren. ich hab dem mal die hand gedrückt. mann, kann der zudrücken. ich hatte noch eine woche später das profil seiner hand in der meinen.

pfui herr schuhmacher, bäh herr joghurt müller, oh boris becker, die unwürdiger deutscher. gebt jetzt alle mal ganz schnell eure pässe her! wie könnt ihr es wagen, deutschen steuerbehörden den nackten hintern zu zeigen und ins ausland zu gehen? das haben die medien auch nicht gerne, weil wenn es dann gerichtsprozesse gibt, da haben sie wieder was tolles zum berichten. was fällt euch ein, euch nicht länger 50 oder mehr prozent eures sauer verdienten aus der tasche ziehen zu lassen? das machen die einfachen arbeiter doch auch nicht. gilt nicht, dass die gar keine möglichkeit haben, ins ausland zu gehen. und dass billige arbeit jetzt in indien und china ausgeführt wird und nicht in deutschland, das geht schon in ordnung, das dürfen die unternehmer.

ich könnte ja jetzt so weitermachen. aber dann werde ich nicht mehr fertig und sitze um mitternacht noch da. da sollen dann aber die korken knallen. der blair und der bush und der schröder sollen sich nicht wundern, wenn der begriff demokratie einen schalen beigeschmack bekommt. vielleicht braucht es überall wieder ganz starke führer, die uns sagen, welches land ein schurkenstaat ist, welche grossverdiener grosschukren sind, und welche nicht vorhandenen massenvernichtungswaffen gleichwohl vorhanden sind. und wenn die palästineneser erst mal ausgerottet sind, dann gibt es auch im nahen osten endlich frieden.

prost neujahr!

Wider den Teamgeist

Der folgende Aufsatz erschien Ende 1998 in leicht gekürzter Form in “Alpha”, der wöchentlichen Beilage zum Zürcher”Tages-Anzeiger” in der “Sonntagszeitung” und im Mai 1999 im Reader’s Digest Schweiz:

Wider den Teamgeist

Ich wehre mich gegen den Missbrauch des Teamgeists. Er wird zu oft dann angemahnt, wenn die Geschäftsleitung von den Mitarbeitern Dinge verlangt, die die guten Sitten und der Anstand eigentlich verbieten würden.

Soeben erschien mein Buch zum aktuellen Thema Vorgesetztenbeurteilung (“Mut zur Kritik”, Orell Füssli Verlag). In die Vorgesetzteneinschätzung werden häufig Erwartungen gesetzt, die von der ISO-Normierung der Führungskräfte bis zur Gleichschaltung allen Denkens der Belegschaft reichen. Leider kann man sie zu ebensolchen Zwecken auch missbrauchen und dann verkünden, im Unternehmen herrsche nun «Teamgeist».

Nun sind gleichgeschaltete Mitarbeiter bekanntlich eine recht praktische, weil einfach zu steuernde Angelegenheit. Und so steht zu befürchten, dass der normierte Mitarbeiter immer wieder Ziel unternehmerischer Weiterverbildungsbemühungen sein wird.

Der bequemste Weg, den Teamgeist zu erreichen, scheint, alle Querdenker im Unternehmen zu eliminieren. Man leistet sie sich höchstens noch in Form externer Berater, die selbstverständlich nur der Geschäftsleitung Rechenschaft schuldig sind. Und wenn die Direktion die Belegschaft dann wieder einmal mit neuen Massnahmen überrascht, staunen die Mitarbeiter, dass nunmehr genau diejenigen Dinge getan werden sollen, die sie selber schon seit Jahren vorschlagen. Und damit sei gesagt, wo der Teamgeist am häufigsten fehlt: In der Unternehmensspitze.

Jedoch, dies ist system- und herrschaftsbedingt: Das mittlere Management möchte seinen Vorgesetzten seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Dazu, so meinen viele, gehört denn auch, dem Top-Management recht zu geben. Und so hüten sie sich nicht nur davor, ihre eigenen, abweichenden Meinungen kundzutun, sondern sie verschweigen erst recht die Kritik und Bedenken ihrer eigenen Mitarbeiter. Und so entsteht der Eindruck eines scheinbaren, in Wahrheit aber gar nicht existierenden Teamgeistes: Hier herrscht kein Teamgeist – hier herrschen wohlgefälliges Geplauder und pflichterfüllte Bücklinge vor den Chefs. Zu wahrem Teamgeist ist ein solches Management nicht befähigt. Denn wahrer Teamgeist funktioniert nur dort, wo der Einzelne eigenständig denken darf (und dies auch kann).

Wenn das Unternehmen zum wiederholten Male keine Lohnerhöhungen ausspricht, auch wenn die Aktionäre weiterhin unverhältnismässig hohe Dividenden abschöpfen dürfen, wenn sich darüber hinaus der Verdienst von Top-Managern in schwindelerregenden Höhen bewegt, und wenn dann an den Teamgeist apelliert wird, «damit wir die grossen Herausforderungen des kommenden Jahres gemeinsam meistern können», dann sehen wir die manipulative Verwendung des Begriffs. Unter Teamgeist wird hier missbräuchlich verstanden, dass die Belegschaft sich gefälligst an die von der Geschäftsleitung festgesetzten Eckpfeiler zu halten habe. Blind folgen = Teamgeist?

Teamgeist ist keineswegs die letztlich geglückte Operation eines Einheitsbreis gleichgeschalteter Gehirne, die im monotonen Singsang die sieben Gebote aus den Leitlinien zur Firmenphilosophie dahersagen können, die doch nur wie ferne Träume anmuten. Wahre Teams, so behaupte ich, kennzeichnen sich dadurch, dass den einzelnen Mitgliedern gestattet wird, eigenständig zu denken. Und schliesslich das Gedachte auch äussern zu dürfen, wobei man ihnen wohlwollend und ernsthaft zuhört.

Erst vor wenigen Wochen beendete ich wieder eine Vorgesetzteneinschätzung in einem grösseren Unternehmen. «Ich habe den Bogen ausgefüllt, obwohl sich – so wie schon vor zwei Jahren – wahrscheinlich wieder nichts ändern wird», meinte ein Teilnehmer resigniert. Ein anderer sandte den Bogen leer zurück. Über zehn Prozent der Mitarbeiter enthielten sich der Stimme, im Gegensatz zur letzten Durchführung, bei der es eine fast hundertprozentige Teilnahme gab. Was war geschehen? Auch wenn die letzte Analyse noch nicht vorliegt, wage ich zu behaupten, dass die Mitarbeiter sich teilweise wohl verraten vorkamen. Erst forderte man sie auf, ihre Einschätzung der Führungsleistung (anonym) darzulegen – dann aber blieb der Dialog der Führungskräfte aus.

Nein, auch wenn man jetzt irgendwelche Abenteuerseminare durchführte, bei denen man sich von fünfzehn Meter hohen Bäumen in die einen auffangenden Arme der Kollegen fallen lassen muss, auch wenn man mit rituellen Beschwörungen bei untergehender Sonne durch glühende Kohlen laufen sollte (wer warme Füsse will, der soll sich einfach dickere Socken anziehen), den Teamgeist würde man auf diese bequeme Art nicht herbeizaubern können. Teamgeist beginnt mit der Erarbeitung einiger (scheinbar) einfacher Bedingungen, die es aber in sich haben:

1. Der Einzelne muss in seinem Wesen von den anderen akzeptiert werden.
2. Er muss seine ganz persönlichen Meinungen frei äussern können und dürfen.
3. Ihm muss mit echtem (nicht geheucheltem) Interesse zugehört werden.
4. Die Meinungen aller müssen mit gleicher Ernsthaftigkeit diskutiert werden; es dürfen keine Unterschiede aufgrund irgendwelcher hierarchischer Gegebenheiten gemacht werden.

Wenn Sie also den Teamgeist in Ihrem Unternehmen vergeblich suchen, ihn aber doch begehren, dann sollten Sie an zwei Punkten ansetzen: Zum einen sollten Sie in Ihren Führungsetagen die Kritik und den Widerspruch herausfordern. Nicht derjenige verdient Ihren besonderen Zuspruch, der immer JA sagt, sondern derjenige, der bereit ist, Ihnen zu widersprechen und anders zu denken. Zum zweiten sollten Sie damit beginnen, Ihren Mitarbeitern zu gestatten, frei zu denken und sich frei zu äussern. Hier sind die Westschweizer den Deutschweizern übrigens um einiges voraus.

Ich weiss, dass dies mit besonderen Anstrengungen und dem Erlernen des Ungewohnten verbunden ist. Aber nur auf diese Weise werden Sie entdecken können, welch ausserordentliches Potential und welche besonderen Menschen sich in den Reihen Ihres Unternehmens befinden.(981201)

Verschlafen die Banken die Wertediskussion?

(Anekdotische Anmerkung: Eine renommierte Wirtschaftszeitung der Schweiz lehnte die Veröffentlichung dieses Artikels Ende 1997 ab. Begründung: “Die Banken sind nicht mehr so schlimm. Sie haben sich schon stark gebessert!”)

Was die chemische Industrie Anfang der 70er Jahre an öffentlichem Protest erfuhr, widerfährt nunmehr den Schweizer Banken. Formal und gesetzlich einwandfrei, bläst ihr der Wind einer moralisch entrüsteten Öffentlichkeit ins Gesicht. Handeln tut Not, nicht nur im Sinne besserer Public Relations Strategien.

In den 70er Jahren kam die chemische Industrie nicht mehr zu Ruhe. Konnte sie bis dahin mehr oder weniger ungestört ihre Produkte produzieren und dabei Abwässer und Umwelt mit Schadstoffen belästigen, so erwuchs ihr auf einmal starke Kritik von Seiten sich bildender Umweltschutzgruppen, allen voran Greenpeace. Mit Reagenzgläsern und Plastikeimern hockten Umweltschützer vor den Abwassereinleitungssrohren der Chemiegiganten in die Flüsse und sammelten das giftige Gut. Die Analysen sorgten regelmässig für negative Schlagzeilen. Argumente der chemischen Industrie, dies sei der Preis, der für den Fortschritt zu bezahlen sei, es handle sich jeweils nur um “Einzelfälle” wurden erst noch vollmundig dann aber immer kleinlauter geäussert. Ein Wandel setzte ein.

Ein ebensolcher Wertewandel kündigt sich nun auch im Finanzsektor an. Vorreiter, wie auch schon bei der Chemie, ist die kritische Öffentlichkeit, die ethisch fehlerhaftes Verhalten diagnostiziert. Und wieder scheint der betroffene Wirtschaftszweig die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Die Schweizer Banken haben am Fall des Wachmanns Meili und in der Frage der Holocaust-Gelder eine erste Lektion erhalten: Die Schweizerische Bankgesellschaft wurde kürzlich von einem grossen Finanzgeschäft mit der Stadt New York kurzerhand ausgeschlossen. Ob dies rechtens ist, wird momentan von offiziellen Stellen geprüft. Und dass hier auch wirtschaftliche Interessen der Konkurrenz eine Rolle spielen könnten, ist nicht ausgeschlossen. Allerdings darf man nicht so naiv sein, zu glauben, sich lediglich an die Gesetze zu halten sei genug. Gesetze hinken häufig hinter der Aktualität hinterher. Gesetzlich vielleicht einwandfrei, aus ethischer Sicht jedoch mehr als zweifelhaft. Im Fall des Wachmanns Meili, der nach eigenem Bekunden seinem Gewissen gehorchend bekanntmachte, was sich in den Katakomben der Bankgesellen abspielte und der Dokumente rettete, die Informationen über finanzielle Transaktionen aus den 40er Jahren enthielten und ansonsten im Reisswolf der verdrängten Historie gelandet wären, hat die harsch reagierende Bank massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Meili mag vertragsrechtlich seinem Dienstherren gegenüber eine grobe Pflichtverletzung begangen haben. Die öffentliche Moral jedoch hat ihn zum Sieger erklärt. Höherrangige Interessen werden geltend gemacht. Die Moralität finanzwirtschaftlichen Handels gerät in das Visier einer breiten Öffentlichkeit, die den Banken erklärt, dass Geld sehr wohl stinken kann.

So könnten die Banken von den PR-Desastern der chemischen Industrie einiges lernen, die ihnen in Bezug auf den Umgang mit ethischen Problemen einige Schritte voraus ist. Im Bereich des Umweltschutzes ist sie in inzwischen fast zu einem Musterbeispiel für das geworden, was man als verantwortliches Handeln in Erkenntnis des Wertewandels bezeichnen kann. Gegenseitig sucht man sich zu überbieten und nutzt die Bemühungen eines schonenden Umgangs mit der Natur auch als Verkaufsargument. Das 1995 auch vom deutschen Verband der Chemischen Industrie (VCI) angenommene, weltweite “Responsible Care” (Verantwortliches Handeln) Programm der Chemie legt jedes Jahr offen, wie sich die Umweltverschmutzung der Mitgliederunternehmen entwickelt, wieviel Geld für Umweltschutzmassnahmen ausgegeben wird, wie es um die Sicherheit am Arbeitsplatz steht, etc. Stolz verweist der Jahresbericht 1996 unter anderem darauf, dass zum Beispiel der SO2-Ausstoss zwischen 1979 und 1994 um neunzig Prozent gesunken sei. Allerdings heisst dies nicht, dass die kritische Öffentlichkeit die chemische Industrie nicht weiter beobachten muss und soll. Betrachtet man das magere Ergebnis des Umweltgipfels von Kyoto vom Winter 1997, dann sieht man, welche Macht die Wirtschaft heute über ihre Politiker hat. Sie diktieren ihren zu Marionetten verkommenden Politprofis die Regeln. US Vizepräsident Al Gore, gerade wegen seiner ökologischen Einstellung in den USA früher hochgeschätzt, wurde zum Wendehals par excellence. Hatte er sich über den ehemaligen Präsidenten Bush noch mokiert, als dieser am Umweltgipfel von Rio auftrat und den Besuch als nichts anderes als einen “Fototermin” bezeichnet, so waren Al Gores Erlärungen kaum mehr als der Versuch, den PR-Schaden zu minimieren.

Gesetze genügen nicht

Die schweizer Banken können sich selbstverständlich auch weiterhin hinter den geltenden Gesetzen verstecken. Sie werden vor Gerichten wohl auch obsiegen. In den Augen der Öffentlichkeit jedoch verlieren sie bzw. haben sie schon verloren. Sie machen den gleichen Fehler wie auch die britische Shell im Fall der Ölplattform Brent Spar, als sie ihre ausgediente Plattform, notabene mit Segen der britischen Regierung, im Meer versenken wollte. Ob das Vorhaben der British Shell tatsächlich die schlechteste Lösung gewesen wäre, ist irrelevant. Entscheidend ist das damals fehlende Bewusstsein bei Shell, dass die Öffentlichkeit als Ganzes und als von ihren Entscheidungen letztlich auch direkt betroffen, den Umweltschutzgedanken als inhärenten Teil verantwortlichen unternehmerischen Handelns in diesem Fall als nicht gewahrt betrachtete. Shell hatte die externen Stakeholders schlichtweg nicht Ernst oder wahrgenommen.

Das Unternehmen hatte ebenfalls nicht damit gerechnet, dass Greenpeace die breite Öffentlichkeit, insbesondere in Deutschland, dermassen würde mobilisieren können, dass das Unternehmen die Entrüstung der Bevölkerung nicht mehr würde ignorieren können. Greenpeace konnte damals glaubhaft machen (auch wenn einige ihrer Informationen falsch waren, wie sich im nachhinein herausstellte) , dass hier hinter dem Rücken der Weltöffentlichkeit eine Umweltsünde grösseren Ausmasses kurz vor ihrer Vollendung stand. Selbst wenn der Boykott der Shell-Tankstellen finanziell eher zu vernachlässigen war, so litt doch das Image stark. Cornelius Herkströter, Präsident von Shell, meint zum Desaster für sein Unternehmen selbstkritisch: «Einer der Hauptgründe war meiner Ansicht nach eine Art “technische Arroganz”, die in Unternehmen mit starker technischer Prägung durchaus verbreitet ist.»

Die Schweizer Banken befinden sich zur Zeit in einer Phase, die sich mit den 70er Jahren und der chemischen Industrie bestens vergleichen lässt. Abwiegelung, Beschwichtigung sowie verzweifelte und schlecht durchdachte PR-Aktionen versuchen, den Schaden zu begrenzen. Dies alles reicht jedoch nicht mehr aus. Die Banken hinken hinter dem moralischen Gewissen der Öffentlichkeit hinterher. Zeitlich wie inhaltlich. Und wer glaubt, er müsse nur eine bessere PR-Strategie verfolgen, der irrt. Public Relations, die sich nur als schönfärberische Propaganda versteht, hat längerfristig keine Chance und verschlimmert die Situation nur. Während die Banken mit der LÖsung ihrer Globalisierungsbestrebungen vollauf beschäftigt sind, drohen Sie die weltweiten gesellschaftspolitischen Entwicklungen zu verschlafen. Fragen von Moral und Ethik sind ein ihnen nicht oder nur marginal bekanntes Fachgebiet, das keine einfachen Lösungen auf die komplexen Bewusstseinänderungen der Öffentlichkeit präsentiert. Es gibt keine Software, die ethische Dilemmata gleich einer Finanzsoftware löst.

Das Ende der Moral

Gerade wurde ein Vermögen von rund 20 Millionen Franken der früheren pakistanischen Premierministerin Buttho in Genf eingefroren. Kein Einzelfall wie man weiss. Gelder, die ursprünglich aus Entwicklungshilfefonds stammen, aus überteuerten (weil mit Schmiergeldern angereicherten) Industrieanlagen, etc. liegen in der Schweiz und in anderen Ländern auf den Privatkonti der Mächtigen oder Einflussreichen. So liess sich zum Beispiel ein afrikanischer Herrscher vor rund zwanzig Jahren auf eigene Kosten einen Palast bauen. Der Ursprung der Gelder des Herrschers wurde mir von ihm nahestehenden Persönlichkeiten mit “Sonderzahlungen” für Schürfrechte an Bodenschätzen erklärt. Am Flughafen Genf-Cointrin sah man denn auch häufiger die Privatmaschine des Präsidenten. West wie Ost hoffierten ihn. Eines Tages erkannte der Herrscher, dass es sich bei seinem Palast ja eigentlich um den offiziellen Sitz des Präsidenten handele. So sei es doch auch nicht einzusehen, dass er länger Privatbesitzer des Palastes sein solle. Kurzerhand verkaufte er ihn an den Staat. Die daraus resultierenden rund zwanzig Millionen Dollar sollen dann ebenfalls auf sein Genfer Konto geflossen sein.

Die Schweizerische Bankgesellschaft erklärte mir gegenüber: “… dass die Aufnahme von Geschäftsbeziehungen zu hochrangigen Politikern der Zustimmung durch ein Mitglied der Geschäftsleitung bedarf.” Das engt zwar den Kreis der letztlich Verantwortlichen ein, ändert aber an der Praxis nichts. Im Gegenteil, guten Geschäften auf höchster Ebene steht danach noch weniger im Wege.

Man mag nun einwerfen, die Schweiz sei keineswegs das einzige Land, das mit Geldern dementsprechend umgehe, und wenn wir es nicht tun, dann wird es halt eine andere Bank in einem anderen Land sein. Allerdings droht diese Argumentation und das gegenwärtige Verhalten der Banken im Zuge der Vergangenheitsbewältigung langfristig auch anderen Wirtschaftszweigen zu schaden. Was, wenn engagierte Bürger im Ausland zum Boykott der Schweiz als Tourismusland aufrufen? Abwegig ist dies nicht. Immerhin ergab eine von der Neuen Zürcher Zeitung am 18. Oktober bekanntgemachte Untersuchung, dass zwei Drittel von 16.000 befragten EU-Bürgern die Rolle der Schweizer Banken als “zweifelhaft” bezeichnen.

Die Lösung ist hart

Wie aber können die Banken einen Beitrag zur Lösung des Dilemmas leisten? Es gibt nur einen Weg. Er ist hart, unbequem und eventuell auch von Einkommenseinbussen begleitet: Die Banken müssen intern wie extern eine aktive Wertediskussion in Gang setzen und zulassen. Hinter dem Bankgeheimnis können sie sich nicht mehr verstecken. Vielleicht ist eine aktive Wertediskussion sogar der einzige Weg, um das Bankgeheimnis längerfristig zu wahren. Dieses stünde im Licht der Öffentlichkeit weniger zur Debatte, wenn die Öffentlichkeit der Moralität und Integrität der Banken traute. Fehlt dieses Vertrauen, dann werden die Rufe nach grösster Transparenz lauter, denen man sich dann auch nicht mehr verschliessen kann. Konsequenz könnten Gesetze sei, die über das Ziel hinausschiessen. Als Eckpfosten einer solchen Diskussion könnte man reflektieren: Der gläserne Politiker, der gegenüber der Öffentlichkeit seine sämtlichen finanziellen Verhältnisse und wirtschaftlichen Beziehungen offenlegen muss, scheint geboten. Politische Macht zieht Lobbyisten und Interessenträger magisch an. Da Politiker jedoch Treuhänder eines Volksmandates sind, sind sie besonderen Verpflichtungen zu unterziehen. Würden die Banken also hochrangigen Politikern, die mit dem Wunsch bei ihnen erscheinen, millionenschwere Anlagekonti zu eröffnen, den Wunsch verweigern, weil die ehrliche Entstehung des Reichtums beim besten Willen nicht nachvollziehbar ist bzw. weil man den Verdacht der unrechtmässigen Bereicherung nicht genügend in Abrede stellen kann, dann wäre ein erster Schritt zu moralisch/ethischer Kompetenz getan.

Zudem sollte ein Verhaltens- oder Ethikkodex entwickelt werden, der die Spielregeln bei moralisch zweifelhaften Fragen regelt. Mitarbeiter der Banken sollten einen Ombudsmann für ethische Probleme ansprechen können, wenn ihnen Entscheidungen (auch von Vorgesetzten) als moralisch fragwürdig vorkommen. In den USA gibt es Beispiele für ausgefeilte Systeme dieser Art. Mitarbeiter sind dort vor jeglichen Repressalien geschützt, wenn ethisch zweifelhafte Entscheidungen gefällt wurden und sie diese mit dem Ombudsmann/der Ombudsfrau besprechen. Die gleichen Stellen bieten auch Rat, wenn man selber vor einer Entscheidung steht und sich dabei in einem ethischen Dilemma befindet. In den Leitlinien des VCI , dem über 700 Unternehmen angehören, findet sich als eines der verpflichtenden Handlungsprinzipien: “Die chemische Industrie wird ungeachtet der wirtschaftlichen Interessen die Vermarktung von Produkten einschränken oder deren Produktion einstellen, falls nach den Ergebnissen einer Risikobewertung die Vorsorge zum Schutz vor Gefahren für Gesundheit und Umwelt dies erfordert. Sie wird die Öffentlichkeit darüber umfassend informieren.” Die Banken könnten ähnliche Grundsätze entwickeln – und dann hoffentlich auch umsetzen.

Stakeholder statt Shareholder

Kern meiner Empfehlungen an die Banken ist das in Kreisen der Wirtschaftsethik diskutierte Stakeholder-Modell. Diese Modell, Kontrapunkt zum eng-ökonomisch verstandenen Shareholder-value, besagt, dass bei unternehmerischen Entscheidungen alle diejenigen internen und externen Öffentlichkeiten berücksichtigt werden müssen, die vom Handel des Unternehmens direkt oder indirekt beeinflusst werden. Professor Lee Preston von der Universität Maryland definiert “Stakeholder” als: “Die Stakeholder einer Organisation sind diejenigen Individuen und Gruppen von Menschen oder Interessengruppen, die zum Funktionieren der Organisation beitragen und daher als Resultat ihrer Operation Vorteile erhalten und/oder Kosten auf sich laden können. Als Resultat der Tätigkeit der Organisation steht bei den Stakeholdern etwas “auf dem Spiel” – mögliche Vorteile und Gewinne oder Kosten oder Schäden, die sie tragen oder erleiden müssen.” In diesem Sinne ist die Schweizer Bevölkerung wohl auch als Stakeholder von Schweizer Grossunternehmen zu betrachten. Es ist legitim zu fragen, inwieweit das Unternehmensverhalten das Image und das Wohlergehen der Schweiz positiv oder negativ beeinflusst.

Ist es zu viel verlangt, dass unsere Banken sich mit mehr befassen sollen als der ausschliesslichen Gewinnmaximierung für ihre Aktionäre? Ich glaube nicht. Die Schweizer Banken sind prägender Faktor des internationalen Images der Schweiz. Ihr Verhalten bzw. das wahrgenommene Verhalten hat somit einen weiterreichenden Einfluss als nur bis zum jeweiligen Tresorraum. Dieses Einflusses muss sich die Branche klar werden. Mit diesem aber geht Verantwortung einher. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Stakeholder-Modell und den Implikationen für das unternehmerische Verhalten der Zukunft könnten ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Vielleicht erlernt dann auch das schweizerische Bankwesen, begangene Fehler unumwunden zuzugeben und mit einer derart geprägten Offenheit und Ehrlichkeit verlorenes Vertrauen zurück- und neues hinzuzugewinnen. Nicht nur nach aussen sondern auch bei den Mitarbeitern des eigenen Hauses.

Zum Trost vor drohenden Gewinneinbussen mag den Banken folgende Aussage des Shell Präsidenten zur Einführung von bleifreiem Benzin gereichen: «Die Industrie war dagegen. Wir waren der Meinung, diese Massnahme sei nutzlos und würde uns keine Vorteile bringen. Und dann wurde es auf den Markt gebracht. Nach öffentlichen Kampagnen und dem Erlass von Gesetzen. Innerhalb von sechs Monaten haben auch wir unverbleites Benzin eingeführt. Es stellte sich heraus, dass wir uns verschätzt hatten. Die Kosten waren niedriger als wir dachten, und wir stellten fest, dass wir die mit der Einführung verbundenen Probleme lösen konnten.»

18. Oktober 1997, ergänzt 16. Dezember 1997