Philosophen als Direktoren

Das folgende Interview erschien in der Mai-Ausgabe 1996 der deutschen Zeitschrift „Personalwirtschaft“. Das Interview wird hier mit freundlicher Genehmigung publiziert.

Philosophen als Direktoren

Es lohnt sich, öfter mal innezuhalten. Nur wer bereit ist, über Entscheidungen und Verhaltensweisen zu reflektieren, betreibt TQM, CIP oder KVP. Jeder, der etwas verändern will, muss bei sich selbst beginnen. Lippenbekenntnisse haben wir genug, sagt Tom Voltz. Es fehlt die Glaubwürdigkeit.

Personalwirtschaft: Was heisst für Sie Ethik im Unternehmen?

Tom Voltz: Zunächst einmal muss die Ethikdiskussion endlich auch wieder den Menschen mit einbeziehen, der ja nur noch eine «Resource» ist, wie der Begriff Human Resource Management so schrecklich zeigt.
Ethik im Unternehmen wird seit Jahren vor allem als Begriff um ökologische Probleme ins Feld geführt. Wir sollten wieder viel grundsätzlicher werden. Die Wirtschaft hat sich in weiten Teilen zu einem merkwürdigen Selbstzweck entwickelt. Sobald wir aber nach einem ausserhalb der reinen Geldvermehrung liegenden Zweck unternehmerischen Handelns fragen, stossen wir unweigerlich wieder auf den Menschen.
Aristoteles meinte: «Die kaufmännische Lebensform hat etwas Gewaltsames an sich, und offensichtlich ist der Reichtum nicht das gesuchte Gute. Denn er ist nur als Mittel zu anderen Zwecken zu gebrauchen». Dieses «Gute», so die Schlussfolgerung von Aristoteles, sei letztlich die Glückseligkeit, das höchste Glück. So wäre also Ethik im Unternehmen messbar am persönlichen Glück, dass sich dort für den Einzelnen verwirklichen lässt, verbunden mit dem unternehmerischen Glück in Form von Gewinnen, wobei wir idealistisch denkend weiter sagen können, dass all dies nicht auf Kosten der Umwelt und unserer Nachkommen gehen sollte.
Diese Faktoren einander näher zuzuführen, wäre angewandte Unternehmensethik. Da der Begriff Glück sehr viele subjektive Faktoren enthält, kann das Glück bei einem Unternehmen sehr viel anders ausssehen als bei einem anderen. So wie dies auch beim Individuum der Fall ist.

Personalwirtschaft: Wie soll das praktisch funktionieren?

Tom Voltz: Mit der Schnellebigkeit der heutigen Wirtschaft, dem Erfolgsdruck, der Angst vor Restrukturierungen, erkennen wir, dass der Mensch dabei häufig auf der Strecke bleibt. Die Freude an seinem Tun wird reduziert. Der Stress regiert. Die guten Kräfte Jobhoppen sich die Karriereleiter hinauf. Dadurch besteht die Gefahr, dass echte Firmenkultur verkümmert. Philosophie beginnt im Einzelnen, ebenso Ethik.
Wenn der Einzelne den Gesamtzusammenhang aller Aktivitäten seines Lebens und Wirkens wieder deutlicher erkennt, kann er auch in seinem Arbeitsbereich ausgeglichener handeln. Treffend sagt Aristoteles: «Wenn es also an uns ist, das Schöne und das Schändliche zu tun und ebenso auch wieder nicht zu tun, und wenn eben darin das Gut- und das Schlechtsein besteht, so ergibt es sich, dass es bei uns steht, anständig odergemein zu sein.»
Ethik, also das Streben nach dem Guten, umfasst Denken und anschliessend entsprechendes Handeln. Daher glaube ich, dass neben Seminaren zur Ethik auch auf individueller Basis geführte Ethikdikussionen stattfinden müssen. Dort kann man seinen Gedanken ohne Gruppendruck freien Lauf lassen und sie dann auch neu ordnen.

Personalwirtschaft: Was halten Sie von den selbstaufgestellten Maximen verschiedener Firmen?

Tom Voltz: Leider handelt es sich hierbei häufig nur um Lippenbekenntnisse, die letztlich der sogenannten wirtschaftlichen Realität geopfert werden. Sie können zum Beispiel keinem Chef befehlen, nunmehr mit seinem Team ein Klima der offenen Kommunikation zu pflegen. Erst persönliche Reflexion und Erkenntnis könnte Wandel bewirken und den Maximen Leben einhauchen. Damit aber muss die oberste Etage eines Unternehmens beginnen, oder, wie Platon in etwa sagte: «Wenn nicht entweder die Philosophen zu Direktoren in den Unternehmen werden oder die, die man heute Geschäftstführer und Direktoren nennt, echte und gründliche Philosophen, so wird es mit dem Elend kein Ende haben. Nicht für die Unternehmen und nicht für die dort arbeitenden Menschen.» Ich würde die Maximen allein aufgrund ihrer Existenz nicht zu hoch bewerten.“

Personalwirtschaft: Sie publizieren einen regelmässig erscheinenden philosophischen Newsletter. Welche Botschaft wollen Sie weitergeben?

Tom Voltz: Der Newsletter entstand als eine Art Nachbetreuung für unsere Kunden, die bei uns philosophisches Coaching erlebt haben. Es scheint, dass er Nachdenklichkeit erzeugt; dass man über sein tägliches Manager- oder Mitarbeiterleben unverbissener und freier reflektiert. Es kommt kein erhobener Zeigefinger auf einen zu, sondern vielmehr ein augenzwinkernder Sokrates. Die Philosophen-Post trägt offenbar zu mehr Gelassenheit bei und regt zum Nachdenken über den Tellerrand an.

Personalwirtschaft: Was würden Sie als Philosoph Managern ins Stammbuch schreiben?

Tom Voltz: Kümmern Sie sich mehr um sich selbst und ihre Mitarbeiter als Menschen. Gerade weil Manager häufig in die Position gezwungen werden, als Alleswisser und Alleskönner dastehen zu sollen oder zu müssen, führen sie häufig ein Doppelleben.
Gestatten Sie sich, dies würde ich Managern sagen wollen, ein wahrer Mensch zu sein und wie ein Mensch zu fühlen und zu handeln, auch sich selbst gegenüber. Denn wessen Seele auf der Strecke geblieben ist, wie kann der noch wirklich für andere da sein?

Personalwirtschaft: Was können Manager von Platon, Aristoteles oder Sokrates lernen?

Tom Voltz: Ein Manager kam eines Tages zu mir und meinte, er habe zwar Philosphie studiert, aber was in aller Welt sei denn bei den alten Griechen Konkretes für den Unternehmensalltag erlernbar? Einige Wochen später schrieb er mir: «Ich hatte selten Gelegenheit, über philosophische Ethik nicht nur zu dikutieren, sondern sie auch am Verhaltenspfad meiner täglichen Arbeit zu überprüfen.»
Bei den alten Griechen können sie fast alles lernen: Die Kunst der richtigen Entscheidungsfindung, Umgang mit Mitarbeitern und sich selbst, Konfliktursachen und deren Lösung sowie die Kunst, seine Seele nicht dem Unternehmen opfern zu müssen, sondern vielmehr das Unternehmen zu beseelen, mögen als Beispiele genügen.
Und weil dies eben nicht auf schulmeisterliche Art mit irgendwelchen Schnellrezepten geschieht, sondern weil bei uns ein Denkprozess ausgelöst wird, kommen wir letztlich zu persönlichen, dauerhaften Erkenntnissen. Auf den Punkt gebracht: Lieber eine Mark mit Gelassenheit verdient, als drei Mark, die ich wegen eines Herzinfarktes später gar nicht mehr ausgeben kann.

Personalwirtschaft: Findet der philosophische Disput in Zukunft global im Internet statt?

Tom Voltz: Er ist schon in vollem Gang. Im Internet treffen sich schon heute Wirtschaftsethiker aus aller Welt, ebenso Philosophen. Die verschiedenen Kulturen tun dem Thema gut. Sehr interessant ist zum Beispiel auch die Homepage der Firma The Body Shop (http://www.thebody-shop.com/). Die dort publizierten Informationen dürften so manchen Unternehmer überraschen. Was dort zu lesen ist, gilt bei anderen Firmen häufig als geheime Verschlusssache (zum Beispiel Informationen über die Zufrieden- und Unzufriedenheit von Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, etc.)

Personalwirtschaft: In den USA haben mehr als hundert Unternehmen interne Ethikprogramme eingerichtet. Wäre das auch bei uns möglich und wie?

Tom Voltz: Mir scheint, dass dies rosiger gesehen wird, als es offenbar der Fall ist. Ich befürchte, der Begriff Ethik wird inzwischen genauso inflationär verwendet wie viele der erfundenen Öko-Siegel. David Polino, Präsident des Better Business Bureau von Buffalo, New York, meinte kürzlich, dass diese Ethik-Büros oft recht wenig mit Ethik zu tun hätten. Vielmehr handle es sich um Abteilungen, die verhindern sollen, dass ihr Unternehmen in unangenehme Gerichtsverfahren verwickelt werden, zum Beispiel wegen möglicher Diskriminierung von Mitarbeitern. Auch zur Imagepflege gegenüber der Öffentlichkeit und zum Schutz vor neuen, gesetzlichen Regulierungen dienten diese Abteilungen. Viel von dem, was er gesehen habe, geschähe mehr nach dem Motto: Diese Angelegenheiten behandeln wir besser korrekt, denn wenn wir das nicht tun, wird uns Schlechtes widerfahren. Das, so Polino, sei weit davon entfernt, sich einfach deshalb korrekt zu verhalten, weil man es aus seinem Inneren heraus so empfindet. Ich bin seiner Meinung.

Personalwirtschaft: Die Ethikbüros in den USA bearbeiten aber offenbar Bestechungen, Betrug, verfehlte Produktqualität, sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz und das Entgegennehmen von Geschenken. Ist unser Ethikbegriff zu wissenschaftlich?

Tom Voltz: Ethik ist im Grunde nichts anderes als das Forschen nach dem, was gut ist. Gut nicht im Sinne partikulärer Interessen, sondern allgemein gut. Dazu gehört ein Gewissen, dass sich im Menschen auch laut genug Gehör verschaffen kann. So hat die Ethik vor 2500 Jahren angefangen.
Bei Ihrer Aufzählung fällt mir allerdings auf, dass es hier vor allem um moralische Dinge geht. Alle diese Dinge dann unter dem Begriff Ethik zusammenzufassen, erscheint mir als eine weitere Tendenz, Ethik quasi als Ersatzreligion mit eigenen zehn Geboten zu begreifen. Gegen diese Vereinfachung wehre ich mich. Denn es ist weit von dem entfernt, was Ethik eigentlich kann und ist. Ethik hat mit Denken zu tun. Und nach dem rechten Denken kann dann auch die rechte Handlung erfolgen. Philosophie bedeutet Liebe zur Weisheit, von der postuliert ist, dass sie etwas Gutes sei. Ethik wiederum befasst sich mit der Frage, was Gut und was Schlecht ist.
Das Gute lässt sich nun aber nicht pauschal in ein Korsett zwängen. Die Sitten wie die Bedürfnisse sind in den Ländern nun einmal verschieden. Was bei empfindlichen Amerikanern als sexuelle Belästigung empfunden werde könnte, ist in Deutschland vielleicht der ganz normale Umgang der Geschlechter untereinander. Auch unter den verschiedenen Altersstufen gibt es da Unterschiede. Ein wahres Ethikbüro müsste also wesentlich mehr Gehalt haben, als lediglich Wächter über eine Moral zu sein. Dann hätte es vielleicht eine Chance. Ethik beginnt im Kopf.

Personalwirtschaft: Wie stellen Sie sich unternehmerische Bemühungen zur Ethik vor?

Tom Voltz: Grundsätze wie Umweltschutz sind allgemein akzeptiert. Sie können zwar immer wieder von grossartigen Ethikbemühungen sprechen. Wenn aber der Einzelne nicht die Chance erhält, sein persönliches Verhalten im vertraulichen Rahmen kritisch zu durchleuchten und zu entdecken, wie er sein persönliches Glück als auch dasjenige des Unternehmens gemeinsam fördern kann, dann wird alles nur Worthülse bleiben. Dabei muss man keineswegs tiefenpsychologische Diskurse führen.
Vielmehr liegt der Nutzen der philosophischen Ethik für den Unternehmer hier: Das tägliche Handeln, die im betrieblichen Alltag auftretenden Probleme, situativ zu durchleuchten, und zwar im Hinblick auf das Gute für einen selbst, das Unternehmen als Ganzes, die Umwelt und so weiter. Wer die Grundgedanken der alten Griechen kennenlernt, wird deren Wissensfundus als Werkzeugkiste für den beruflichen Alltag nicht mehr missen wollen. Wer ja zur Ethik sagt, der sagt auch zugleich ja zur Philosophie. Diese gilt es wieder als praxisbezogene Disziplin zu kultivieren.

Personalwirtschaft: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Tom Voltz führte Franz Langecker.

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